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1918 | Die Ausrufung der Republik Deutschösterreich

Das Jahr 1918 ist für viele Staaten politisch richtungsweisend. In Österreich bedeutet dies: Ende des Ersten Weltkrieges, Zusammenbruch der Donaumonarchie und Gründung der Ersten Republik.

Seit bald vier Jahren werden verheerende kriegerische Auseinandersetzungen vor allem auf europäischem Gebiet ausgetragen. Der „Große Krieg“ wird später als „Erster Weltkrieg“ bezeichnet, an einen zweiten weltweiten Krieg denkt kaum jemand.
Der Wunsch nach Frieden nimmt in der Bevölkerung immer mehr zu und schon ab Anfang 1917 kommt es zu umfassenden Streiks der Arbeiterschaft.
Im Herbst 1918 ist der militärische sowie wirtschaftliche Zusammenbruch der Mittelmächte (Deutsches Reich, Österreich-Ungarn, Osmanisches Reich und Bulgarien) nur mehr eine Frage der Zeit.

Am 3. November schließt Österreich-Ungarn einen Waffenstillstand mit seinen Kriegsgegnern Frankreich, Großbritannien, Russland, Italien und den USA. Einige Tage später, am 12. November, wird die Republik Deutschösterreich vor dem Parlamentsgebäude in Wien ausgerufen. Von dem riesigen Habsburgerreich bleibt nur ein kleiner Staat übrig.
Im Zuge der politischen Neuausrichtung wird u.a. das Frauenwahlrecht eingeführt.

1919 wird durch den Vertrag von Saint-Germain-en-Laye der Name „Republik Deutschösterreich“ auf „Republik Österreich“ geändert. In den darauffolgenden Jahren nimmt der Staat Form an.

1919 | Die ersten Wählerinnen

1919 kommt erstmals das allgemeine Frauenwahlrecht zur Anwendung. Am 16. Februar wird die erste freie, gleiche und geheime Wahl in Österreich abgehalten.

Das aktive Wahlalter beträgt damals 20 Jahre. Viele Frauen nutzen das seit Jahrzehnten angestrebte Recht. 82 % der wahlberechtigten Frauen geben ihre Stimme ab.

Mehr als 100 Frauen kandidieren, acht davon ziehen als Abgeordnete in die Konstituierende Nationalversammlung ein, darunter Adelheid Popp. Im April 1919 spricht sie als erste Frau im österreichischen Parlament. Sie ist eine der wichtigsten Wegbereiterinnen der sozialdemokratischen Frauenbewegung und setzt sich für die Rechte sowie Verbesserung der Situation von Frauen der Arbeiterklasse ein. Sehr früh fordert sie eine Reformierung des Familienrechts, um die Gleichstellung der Geschlechter herbeizuführen.

Ebenfalls 1919 wird der Staatsvertrag von Saint-Germain-en-Laye unterzeichnet. Mit diesem Vertrag wird u.a. ein Anschluss Österreichs an Deutschland verboten und der bisherige Staatsname „Deutschösterreich“ untersagt. Ein wesentlicher Teil des Vertrags betrifft die Staatsgrenzen: Südtirol etwa wird Italien zugesprochen, zwei kleine Gebiete in Niederösterreich müssen 1920 an die Tschechoslowakei abgetreten werden.
Einige wollen nicht so recht an das kleine Land und seine Zukunft glauben. Nach den Kriegsjahren leben viele Menschen im neuen und wirtschaftlich geschwächten Österreich in großer Armut.

1920 | Bildung und Kultur in schwieriger Zeit

1920 wird in Salzburg die Idee für Festspiele in die Tat umgesetzt.
Sowohl in der Kultur als auch im Bildungsbereich gibt es wichtige Fortschritte.

Die Aufführung des „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal am 22. August 1920 auf dem Salzburger Domplatz ist der Beginn der Salzburger Festspiele.  Für manche Menschen ist der Besuch der Festspiele eine Ablenkung in der schwierigen Nachkriegszeit.

Nicht nur in Salzburg entfaltet sich das kulturelle Leben neu. In Wien werden u.a. Theatervorstellungen, Konzerte und Chorveranstaltungen gefördert. Sie sollen ein breites Publikum ansprechen. Eine bedeutende Rolle spielt die sogenannte Kleinkunst, also darstellende Kunst, die mit kleiner Besetzung und wenig Ausstattung auskommt. Eine verbreitete Form ist Kabarett. Es setzt sich mit Humor und Satire kritisch mit Politik und Gesellschaft auseinander. Das 1912 gegründete Kabarett Simpl in Wien z.B. konnte sich auch nach dem Krieg wieder über viele Gäste freuen.

1919/1920 wird die Wiener Schulreform durch den Pädagogen und Politiker Otto Glöckel (1874-1935) vorangetrieben. Im Mittelpunkt steht das Ziel, gleiche Bildungschancen für alle zu schaffen. Glöckel wollte eine gemeinsame Schule für alle bis zum 14. Lebensjahr. Die international beachtete Schulreform gilt als eines der bedeutendsten Reformprojekte Österreichs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Zusätzlich zur Schulreform werden im Roten Wien der Ersten Republik Kindergärten und Horte errichtet. Und für Erwachsene wird das Volksbildungswesen ausgebaut. Damit wird Bildung und Kultur möglichst vielen Menschen zugänglich gemacht und die schulische Bildung ergänzt.

1921 | Der Staat nimmt Form an

Nach dem Kriegsende sind die Grenzen des jungen Staates nicht endgültig, die Staatswerdung Österreichs wird erst 1922 abgeschlossen.

In Vorarlberg fordern 1919 in einer Volksabstimmung 80 % der Wählerinnen und Wähler Verhandlungen über einen Zusammenschluss mit der Schweiz. Die Entscheidung über die Staatsgrenze liegt jedoch bei der Pariser Friedenskonferenz.

Für Teile Südkärntens wird eine Volksabstimmung angeordnet (Staatsvertrag von Saint-Germain-en-Laye). 1920 stimmt in der Abstimmungszone die Mehrheit der Bevölkerung (mit starkem slowenischsprachigem Bevölkerungsanteil) für einen Verbleib bei Österreich. Dennoch ist das Verhältnis wegen unterschiedlicher Ansprüche und Erwartungen angespannt und immer wieder konfliktbeladen. Am bekanntesten ist der „Ortstafelstreit“ und dessen von beiden Volksgruppen akzeptierte politische Lösung 2011.

1921 zeigt eine Volksabstimmung in Tirol, dass es viele Wählende gibt (mit über 98 % der abgegebenen gültigen Stimmen), die einen Anschluss an Deutschland befürworten. In Salzburg votieren in einer Abstimmung sogar 99,6 % dafür.

Laut Vertrag von Trianon (1920) soll Deutsch-Westungarn zur neuen Republik Österreich gehören. Aber erst nach heftigen Kämpfen gegen ungarische Guerillas und der Volksabstimmung in Ödenburg ist das Burgenland 1921 als Teil des österreichischen Staatsgebietes gesichert.

Anfang 1922 tritt das Trennungsgesetz in Kraft: Wien wird von Niederösterreich getrennt und ein eigenständiges Bundesland. Damit erhält Österreich seine aktuelle Gestalt.

1922 | Aufnahme Österreichs in die internationale Völkerfamilie

Mit dem Beitritt zum Völkerbund am 16. Dezember 1920 wird Österreich Mitglied in der internationalen Völkerfamilie.

Einen besonderen Stellenwert erhält der Völkerbund für Österreich im Jahr 1922 durch die Genfer Protokolle vom 4. Oktober. Durch diesen Staatsvertrag im Rahmen des Völkerbunds erhält Österreich einen als „Völkerbundanleihe“ bekannten Auslandskredit über rund 650 Millionen Goldkronen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Im Sommer 1922 hatten Wirtschaftskrise und Inflation eine Rekordhöhe erreicht.
Der junge Staat verpflichtet sich zur Sanierung (Maßnahmen zur Wiederherstellung von Gewinnen und Leistungsfähigkeit) der Wirtschaft. Unter Kontrolle des Völkerbundes muss Österreich weitreichende Sparmaßnahmen umsetzen: So sollte beispielsweise bis Mitte 1924 die Zahl der Staatsbediensteten um 100.000 reduziert werden. Außerdem wird das Anschlussverbot an Deutschland ein weiteres Mal (wie zuvor im Staatsvertrag von Saint-Germain-en-Laye 1919) akzeptiert.
Die Stabilisierung der Währung gelingt und die Inflationsperiode wird mit dem Umstieg auf den Schilling 1925 beendet. Allerdings leidet die Bevölkerung unter den harten Bedingungen sehr.

Wegen der mit den Anleihen verbundenen Sparpolitik wird auch die Kritik an Bundeskanzler Ignaz Seipel immer größer. Am 1. Juni 1924 wird auf den Kanzler ein Attentat verübt. Seipel wird schwer verletzt und tritt noch im selben Jahr zurück. (Zwischen 1926 und 1929 bekleidet er abermals das Amt des Bundeskanzlers.)

Mit der Lausanner Anleihe 1932 wurde Österreich zehn Jahre später ein weiterer Kredit (300 Millionen Schilling) gewährt, der dem Land in der Weltwirtschaftskrise hilft.

1923 | Militarisierte Gesellschaft

Nach Ende des Ersten Weltkrieges besteht weiterhin eine große Gewaltbereitschaft in Teilen der Gesellschaft. Bewaffnete Gruppen der politischen Lager stoßen aufeinander.

Zwischen den Kriegen wurden politische Meinungsverschiedenheiten und soziale Konflikte in einer Reihe von gewalttätigen Konfrontationen ausgetragen. So findet beispielsweise am 2. April 1923 im Westen Wiens die „Schlacht“ am Exelberg statt. Nationalsozialisten und Anhänger der sozialdemokratischen Arbeiterwehr stoßen aufeinander. Das Ergebnis sind mehrere Verletzte durch eine Schießerei. Wer als erster geschossen hat, wird von den Zeitungen unterschiedlich dargestellt (s. Quellen).

Die sozialdemokratische Arbeiterwehr nennt sich ab Mai 1923 Republikanischer Schutzbund und ist eine paramilitärische Organisation der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP).

Die dem christlichsozialen, zum Teil aber auch dem nationalen Lager nahestehenden paramilitärischen Verbände werden als Heimwehr(en) – auch Heimatschutz oder Heimatwehr – bezeichnet. Am 18. Mai 1930 wird bei der Generalversammlung des Heimatschutzverbandes Niederösterreich der Korneuburger Eid verlesen. Darin bekennen sich die Heimwehren zum Faschismus.
Ein Vertreter der Heimwehrbewegung ist Walter Pfrimer, Landesleiter des Steirischen Heimatschutzes. Er versucht im September 1931, die Macht im Staat zu übernehmen. Der „Pfrimer-Putsch“ scheitert u.a. auf Grund mangelnder Beteiligung der Heimwehrverbände anderer Bundesländer.

1924 | Radio als Massenmedium

1924 wird die erste offizielle Radiosendung Österreichs ausgestrahlt. Das Radio als Massenmedium gewinnt rasch an Bedeutung.

Die Radio-Verkehrs-Aktiengesellschaft (RAVAG) nimmt als erster staatlicher Rundfunksender Österreichs den Betrieb auf. Mit den Worten „Hallo, hallo, hier Radio Wien, auf Welle 530!“ wird am 1. Oktober 1924 der Wiener Rundfunksender eröffnet. Dies ist der Start für das neue Massenmedium Radio.

Außerdem erscheint ab 1924 eine gleichnamige Programmzeitschrift zum Sender. Aus ihr können die HörerInnen das Wochenprogramm erfahren: Nachrichten, Wetterdienste, Tanzmusik, Aktienkurse der Wiener Börse, Konzerte, Vorträge, Märchenabende und weitere Programmpunkte.
In den kommenden Jahren wächst die Zahl der Menschen, die ein Radio besitzen, stetig an.

Anfänglich ist das Radio in erster Linie ein Bildungs- und Unterhaltungsmedium mit wenig politischer Berichterstattung. Später, im Austrofaschismus und im Nationalsozialismus, wird das Radio zum Propagandainstrument.

1925 | Der Schilling vulgo Alpendollar

1925 wird der Schilling statt der Krone als Währung eingeführt.

Nach dem Ersten Weltkrieg führt die schlechte Wirtschaftslage zu einer steigenden Arbeitslosigkeit und die hohe Inflation zu Preiserhöhungen für Lebensmittel, Kohle, Kleidung und vieles mehr. Durch Staatskredite nimmt die in Umlauf gebrachte Geldmenge in Österreich zu. Das führt zu einer Geldentwertung und macht eine neue Geldpolitik notwendig: Am 1. Jänner 1925 tritt das Schillingrechnungsgesetz in Kraft. Der Schilling ersetzt als neue Währung die Krone mit einem Umrechnungskurs von 1 Schilling für 10.000 Kronen. Er entwickelt sich zu einer der stabilsten Währungen Europas und wird bald im Volksmund als „Alpendollar“ bezeichnet.
Zur Erreichung dieser Stabilität setzt man auf eine Verminderung umlaufender Geldmengen sowie auf eine strikte und weitreichende Sparpolitik (Bedingung der Genfer Protokolle von 1922). Dabei kommen die Investitionen zu kurz und immer mehr Menschen sind von Arbeitslosigkeit betroffen. So wird die österreichische Bevölkerung von der Weltwirtschaftskrise ab 1929 besonders hart getroffen.

Während der Zugehörigkeit Österreichs zum Deutschen Reich (1938-1945) wird der Schilling von der Reichsmark abgelöst. Danach gibt es bis zur Einführung des Euro im Jahr 2002 wieder den Schilling, ein Identitätsmerkmal für die Österreicherinnen und Österreicher. 1997 zeigt das Volksbegehren  für eine „Schilling-Volksabstimmung“, dass sich manche nicht vom Schilling trennen wollen (ungefähr 250.000 Menschen unterschreiben).

1926 | Parteiprogramme

Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei und die Christlichsoziale Partei beschließen 1926 neue Parteiprogramme

Die beiden Parteiprogramme sind sehr unterschiedlich: die Forderung nach einem sozialistischen Gesellschaftsumbau nach den Vorstellungen der SDAPDÖ versus das religiös geprägte Konzept der Christlichsozialen Partei.

Das auf dem Parteitag am 3. November 1926 in Linz (Oberösterreich) beschlossene Programm der Sozialdemokraten gilt „als eines der wichtigsten Dokumente des Austromarxismus“. Die „lückenlose Durchführung des Achtstundentages“ oder die „Unentgeltlichkeit des Unterrichtes, der Lehr-, Lern- und Arbeitsmittel auf allen Unterrichtsstufen“ sind Forderungen daraus.
In einem Ausschnitt dieses „Linzer Programms“ heißt es, dass bei Widerstand der wohlhabenden Bürgerschaft eine Diktatur der Arbeiterklasse notwendig werden würde („den Widerstand der Bourgeoisie mit den Mitteln der Diktatur zu brechen“). Diese klassenkämpferische Sprache führt zu heftiger Kritik und verhärtet die politischen Gegensätze.

Am 29. November findet ebenfalls in Linz eine Sitzung des Parteirats der Christlichsozialen Partei statt. Auch hier wird ein neues Parteiprogramm beschlossen. Darin findet sich u.a. neben vagen Vorstellungen eines Ständestaats („Als Volkspartei betrachtet sie alle Berufsstände grundsätzlich als gleichberechtige Glieder der Volksgemeinschaft.“) und einer eindeutig antisemitischen Haltung auch das Bekenntnis zur Demokratie: „Die christlichsoziale Partei bekennt sich zum demokratischen Staate und fordert daher volle Gleichberechtigung aller Bundesbürger in der Ausübung politischer Rechte, Freiheit der Gesinnung und des Organisationswillens. Sie weist mit Entschiedenheit jeden Versuch zur Aufrichtung einer Klassendiktatur zurück.“

1927 | Tödliche Schüsse in Schattendorf: Auch ein Kind wird Opfer

Die Schüsse fallen im Jänner 1927 in dem burgenländischen Ort – später, im Juli, ist der Freispruch der Schützen Auslöser für heftige Proteste sowie für den Justizpalastbrand in Wien.

Der 30. Jänner 1927 ist ein verhängnisvoller Tag für den achtjährigen Buben Josef Grössing. Er läuft einem Zug von sozialdemokratischen Schutzbündlern im burgenländischen Schattendorf hinterher. Drei Frontkämpfer (paramilitärischer Verband der extremen Rechten) eröffnen aus einem Wirtshaus das Feuer auf die Menschenmenge. Josef Grössing und der Kriegsinvalide Matthias Csmarits sterben durch die Schüsse. Die Meinungen zu dieser Tat sind sehr unterschiedlich – manche sehen die Schüsse der Frontkämpfer als Notwehr, für andere ist es kaltblütiger Mord.

Die zwei Toten sind nur der Anfang einer blutigen Auseinandersetzung: Als die drei Täter im Juli in einer Gerichtsverhandlung im Wiener Straflandesgericht freigesprochen werden, führt der Vorfall in Schattendorf letztendlich zum Brand des Justizpalastes. Den Startschuss zum Protest gegen das als Unrecht empfundene Urteil geben die Elektrizitätsarbeiter, die am 15. Juli, nach Verkündung des Urteils, den Strom abschalten. Nachdem die aufgebrachte Arbeiterschaft den Justizpalast in Brand gesetzt hat und sich inzwischen viele Schaulustige um das Gebäude versammelt haben, beginnt die Polizei in die Menge zu schießen. Zu dieser Zeit ist Johann Schober Polizeipräsident von Wien. Er gab mit Bewilligung von Bundeskanzler Seipel den Befehl für die bewaffnete Räumung. 89 Tote und über 1.600 Verletzte sind die Folge der Zusammenstöße zwischen Polizei und den protestierenden Menschen an diesem Tag.

1928 | Kinderfreibäder und sozialer Wohnbau im Roten Wien

Im Roten Wien werden viele Kinderfreibäder errichtet. Die Stadt treibt auch den sozialen Wohnbau voran, der über die Grenzen Österreichs hinweg bekannt wird.

Ein erstes Kinderfreibad entsteht 1917: Kinder dürfen im Hütteldorfer Staubecken der Wien unentgeltlich baden. 1928 gibt es bereits 18 Kinderfreibäder im sozialdemokratisch regierten Roten Wien (1919-1934).
Der Schwimmunterricht in Wiener Pflichtschulen wurde 1926 verbindlich eingeführt und findet in den Hallenbädern statt. Der Besuch der Schwimmhallen (Amalienbad und Jörgerbad) ist unentgeltlich und auch Badewäsche sowie Badetücher werden kostenfrei zur Verfügung gestellt.

Im September 1923 beschließt der Wiener Stadtsenat (Stadt- und Landesregierung Wien), innerhalb von fünf Jahren 25.000 Gemeindebauwohnungen zu bauen. Da die Umsetzung des Wohnbauprogramms schneller als vorgesehen erfolgt, wird die Zahl 1926 auf 30.000 erhöht. Bis 1934 entstehen über 60.000 Wohnungen in Wohnhausanlagen und zahlreiche Reihenhaussiedlungen.
Der soziale Wohnbau ist speziell für die Arbeiterschaft gedacht, die dort leistbar und gesund leben kann.

Der Reumannhof (errichtet 1924-1926) gehört zu den ersten großen Anlagen, 1928 wird der Rabenhof mit 1.100 Wohnungen fertiggestellt. Am 13. Oktober 1930 wird der Karl-Marx-Hof in Wien feierlich eröffnet. Die burgähnliche Architektur soll das Selbstbewusstsein der Sozialdemokratie demonstrieren. Die Wohnanlage zählt zu den bekanntesten der Zwischenkriegszeit, der größte Gemeindebau ist jedoch der Sandleitenhof.
1934 steht der Karl-Marx-Hof im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen der Februarkämpfe.

1929 | Bundesverfassung, die zweite

Die Hauptaufgaben einer Verfassung ist die Festlegung von Rahmenbedingungen für den „Aufbau des Staates“ und für das „Handeln staatlicher Institutionen“ sowie die Sicherung der Bürger- und Grundrechte.

1920 tritt das Bundes-Verfassungsgesetz (B-VG) auf Grundlage eines Entwurfs des Rechtswissenschaftlers Hans Kelsen in Kraft. Eine (nach 1925 zweite) Bundes-Verfassungsnovelle wird 1929 beschlossen. Sie verändert die Republik Österreich durch die Stärkung der Rechte des Staatsoberhaupts sowie der Bundesregierung.

Diese Verfassung wird 1945, nach Austrofaschismus (Maiverfassung 1934: Einführung des Ständestaats durch die Proklamation einer neuen autoritären Verfassung) und NS-Zeit, wieder in Kraft gesetzt und gilt bis heute. Sie wird laufend ergänzt – beispielsweise um die Kinderrechte auf dieser höchsten Rechtsebene zu verankern.

Verfassungsveränderungen in Österreich benötigen eine Zweidrittelmehrheit der Nationalratsabgeordneten: Mindestens die Hälfte der Abgeordneten muss bei der Abstimmung anwesend sein und zwei Drittel davon müssen die Verfassungsänderung beschließen. Bei Veränderung der Grundprinzipien der Verfassung muss durch eine Volksabstimmung die Bevölkerung miteinbezogen werden. Bis jetzt war dies nur einmal der Fall: 1994 wird über den EU-Beitritt eine Volksabstimmung durchgeführt.

1930 | Die letzten Wahlen

Anfang der 1930er-Jahre gibt es die letzten Wahlen der Ersten Republik.

Am 9. November 1930 findet die vierte und letzte Nationalratswahl in der Ersten Republik statt. Auf den Plakaten der wahlkämpfenden Parteien wird vor allem versucht, den politischen Gegner in ein schlechtes Licht zu rücken (s. Abbildung).
Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) erhält bei der Wahl die meisten der abgegebenen Stimmen. Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) erreicht mit 3 % verhältnismäßig wenige Stimmen (rund 112.000). Zu wenig, um in den Nationalrat einzuziehen.
Mit über 90 % Wahlbeteiligung wird bei den Nationalratswahlen 1930 ein Rekord erreicht.
Nach Koalitionsverhandlungen bildet die Christlichsoziale Partei (CSP) zusammen mit deutschnational ausgerichteten Parteien erneut eine Regierung.

Am 24. April 1932 finden noch Landtagswahlen in Wien, Niederösterreich und Salzburg statt. Bei diesen letzten Landtagswahlen der Ersten Republik gibt es deutliche Stimmengewinne für die NSDAP. Bei der Gemeinderatswahl in Innsbruck am 23. April 1933 ist sie mit 41 % der gültigen Stimmen sogar die stärkste Partei.

Insgesamt spitzt sich die politische Situation Anfang der 1930er-Jahre zu. Die NSDAP verübt ab 1933 immer öfter Attentate und Sprengstoffanschläge. Im Juni 1933 wird die Partei österreichweit vom austrofaschistischen Regime verboten.

1931 | Wirtschaftskrise und Flucht aus der Not

Der Börsenkrach in New York (USA) am 24. Oktober 1929 („Schwarzer Donnerstag/Freitag“) war der Auftakt zur Weltwirtschaftskrise. In Österreich kommt es 1931 zum Zusammenbruch der Credit-Anstalt.

Österreich wird von der Weltwirtschaftskrise besonders hart getroffen, da wegen der Nachwirkungen des Ersten Weltkrieges die Hilfe durch ausländische Kredite (Völkerbundanleihe) notwendig geworden war. Diese wurden von weitreichenden Sparmaßnahmen begleitet, weshalb sich die österreichische Wirtschaft nicht wirklich erholen kann.

1931 ist wegen des Zusammenbruchs der Credit-Anstalt (CA) ein schwarzes Jahr für die österreichischen Banken und vor allem auch für die Bevölkerung. Die Arbeitslosigkeit mit einer Rate von 26 % im Jahr 1933 ihren Höhepunkt.

Als einen Ausweg aus Armut und Arbeitslosigkeit wählen viele Menschen die Emigration. Über 13.000 Menschen aus dem Burgenland ziehen bereits zwischen 1919 und 1923 aus wirtschaftlichen Gründen in die Vereinigten Staaten (USA). Da die USA Einwanderungsquoten festlegen, müssen sich viele Auswanderungswillige aus Österreich andere Zielländer suchen, wie etwa Brasilien, Kanada oder Argentinien, oder sie gehen als Gastarbeiter in die Türkei.

1932 | Kinderrepubliken

1932 veranstalten die Roten Falken ein von Kindern demokratisch organisiertes Feriencamp in Keutschach (Kärnten).

Die erste Kinderrepublik Österreichs findet in Gmünd (Niederösterreich) statt. Gegründet wird sie 1919 von dem für die Kinderfreunde arbeitenden Pädagogen Otto Felix Kanitz. Die „Kinderfreunde Österreich“ vertreten seit 1908 Interessen von Familien und Kindern. Bei den Kinderrepubliken stehen Kindermitbestimmung sowie Selbstverwaltung und Selbstregierung der Kinder im Mittelpunkt.

1927 wird in Seekamp bei Kiel (Deutschland) eine große Kinderrepublik mit rund 2.300 Teilnehmenden (auch aus Österreich) ausgerufen. Diese Veranstaltung hat die Zeltlager der 1925 gegründeten Roten Falken (Jugendverband der Kinderfreunde) stark geprägt.

In Österreich veranstalten die Roten Falken weitere solcher Feriencamps, an denen Kinder aus verschiedenen Bundesländern teilnehmen. So auch bei der Kinderrepublik in Keutschach (Kärnten) 1932. Die Zeitung „Salzburger Wacht“ berichtet darüber: „Letzte Woche sind in die Kinderrepublik Keutschach 50 Rote Falken aus dem Land Salzburg gekommen“, denen von „500 Wiener Kindern, die sich in der Kinderrepublik befinden, ein herzlicher Empfang zuteil“ wurde.

1933 | Ende der Demokratie

Der 15. März 1933 ist ein verhängnisvoller Tag für die Demokratie in Österreich.

Abgeordnete wollen am 15. März 1933 den Nationalrat im Parlament einberufen. Doch Polizisten stehen vor dem Gebäude und lassen niemanden vorbei (s. Foto). Wie kam es dazu? Einige Tage zuvor, am 4. März 1933, treten bei einer turbulenten Abstimmung im Parlament alle drei Nationalratspräsidenten zurück. Eine Neueinberufung des Nationalrates verhindert Bundeskanzler Engelbert Dollfuß durch den Einsatz der Polizei.
Außerdem schlägt die Regierung mit dem Verbot von Aufmärschen, der Wiedereinführung der Todesstrafe und der Einschränkung der Pressefreiheit eine autoritäre Richtung ein.

Der nach der Macht eines Diktators strebende Kanzler Dollfuß bezeichnet den Vorfall als „Selbstausschaltung des Parlaments“. Tatsächlich handelt es sich jedoch um einen schrittweisen Staatsstreich. Dieser Verfassungsbruch ist das Ende der Demokratie in der Ersten Republik  und der Beginn des Austrofaschismus. Am 11. September 1933 wird in der Trabrennplatzrede die Errichtung eines autoritären Ständestaates verkündet.

1934 | Was eine Katze aus Wöllersdorf erzählt

Lager, in denen Menschen ohne Gerichtsurteile weggesperrt werden, sind ein zentrales Unterdrückungsinstrument in Diktaturen. Ab1933 reichte dafür in Österreich bereits der Verdacht politischer Gegnerschaft.

Im Austrofaschismus (1933-1938) hält das Regime politisch Andersdenkende in sogenannten Anhaltelagern fest. Mit dieser Bezeichnung will man sich in Österreich begrifflich zu den deutschen Konzentrationslagern abgrenzen. Das größte Anhaltelager befindet sich in Wöllersdorf bei Wiener Neustadt (Niederösterreich). Im Gegensatz zu den Konzentrationslagern gibt es in den Anhaltelagern keine Zwangsarbeit und die Gefangenen werden relativ gut versorgt. Die Gefangenschaft ist dennoch für viele eine schwere Belastung.
Manche Inhaftierte vertreiben sich die Zeit mit Zeichnen oder Schnitzarbeiten. Die heute im Waschsalon Karl-Marx-Hof in Wien ausgestellte Katze auf Skiern (s. Abbildung) ist eines dieser Werke.

Nach den Februarkämpfen 1934 werden in Wöllersdorf hunderte Sozialisten und Kommunisten ohne gerichtliche Urteile gefangen gehalten. Der letztlich gescheiterte Arbeiteraufstand im Februar 1934 ist der erste bewaffnete Widerstand gegen den Faschismus in Europa. Nach dem viertägigen Bürgerkrieg, der in Linz (Oberösterreich) seinen Anfang nimmt, sind im Karl-Marx-Hof in Wien sogar Einschüsse schwerer Geschütze (Artillerie) zu sehen. Im Zuge der Kämpfe wurden mehr als 350 Menschen getötet. Neun Führer des „Aufstands“ wurden in den Tagen nach den Kämpfen hingerichtet, darunter der schwer verwundete Karl Münichreiter (geboren 1891) und der Nationalratsabgeordnete Koloman Wallisch (geboren 1889). Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) wird nach der Niederlage im Bürgerkrieg verboten und parteinahe Organisationen werden aufgelöst.

Die terroristische Gewalt der verbotenen NSDAP erreichte den Höhepunkt mit dem Juliputsch. Als Folge des Putschversuchs steigt die Zahl der Gefangenen im Anhaltelager Wöllersdorf um tausende Nationalsozialisten.

1935 | Tschikweiber – Arbeiterinnen, Hausfrauen und Mütter

1935 werden in der Halleiner Zigarrenfabrik fast 11.000 Zigarren hergestellt. In den darauffolgenden Jahren wird weniger produziert. Die Arbeitsplätze der „Tschikweiber“ sind in Gefahr.

Nach dem Ersten Weltkrieg ist die Tabakindustrie ein wichtiger Arbeitgeber für Frauen in Österreich. Eine der Zigarrenfabriken steht in Hallein (Salzburg). Die dort arbeitenden Frauen werden als „Tschikweiber“ bezeichnet. Sie sind bekannt für ihren Zusammenhalt und ihr Selbstbewusstsein, sind gewerkschaftlich organisiert und nehmen an Demonstrationen sowie Aufmärschen am 1. Mai (Tag der Arbeit) teil.

Die Halleiner Zigarrenfabriksarbeiterinnen haben ein relativ gutes Einkommen. Deswegen sind sie auch als Ehefrauen gefragt. Wegen ihrer zielstrebigen und resoluten Art sollen sich jedoch manche Männer sowie Menschen aus anderen sozialen Schichten vor ihnen gefürchtet haben.

Viele der „Tschikweiber“ sind nicht nur Fabriksarbeiterinnen, sondern ebenso Hausfrauen und Mütter. Die Hausarbeit ist damals auch um einiges aufwändiger als heute. Die Halleiner Zigarrenfabriksarbeiterinnen führen also ein arbeitsreiches und beschwerliches Leben.

Mit der Zeit laufen die Geschäfte in der Fabrik immer schlechter. Fast 11.000 Zigarren werden 1935  hergestellt, in den darauffolgenden Jahren geht die Produktion jedoch zurück. 1940 wird die Halleiner Zigarrenfabrik geschlossen und vom NS-Regime in einen Rüstungsbetrieb umgebaut, in dem Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge arbeiten mussten.

1936 | Protest jüdischer Schwimmerinnen

Jüdische SportlerInnen haben für den österreichischen Sport schon länger eine wichtige Rolle gespielt. Vor den Olympischen Sommerspielen 1936 in Berlin kommt es zum Protest jüdischer Schwimmerinnen.

Im Sommer und Herbst 1935 ist Judith Deutsch die erfolgreichste Athletin des Hakoah-Schwimmteams und wird zur österreichischen Sportlerin des Jahres gewählt; sie hat zwölf Bestzeiten aufgestellt. Hakoah (hebräisch für „Kraft“) ist ein jüdischer Sportverein, der 1909 gegründet wurde.

1936 werden Judith Deutsch, Ruth Langer (s. Foto) und Lucie Goldner für die Olympischen Sommerspiele in Berlin (Deutschland) nominiert. Aus Protest gegen die „Nürnberger Gesetze“ (1935) verweigern sie jedoch die Teilnahme. In einem Brief an den Verband der Österreichischen Schwimmvereine erklärt Deutsch: „Ich kann als Jüdin an den Olympischen Spielen in Berlin nicht teilnehmen, weil mir das mein Gewissen verbietet.“ Den drei Sportlerinnen werden daraufhin die nationalen Titel aberkannt und der Verband sperrt sie auf Lebenszeit. Erst nach internationaler Kritik werden die Sperren auf zwei Jahre verkürzt. Deutsch wandert noch im selben Jahr aus und lässt sich mit ihrer Familie in Haifa (Palästina) nieder. Ihre Kolleginnen Langer und Goldner flüchten nach dem „Anschluss“ 1938 aus Österreich.

Erst in den 1990er-Jahren kam es zu einer offiziellen Entschuldigung und Wiederanerkennung der Titel, Medaillen und Rekorde von Judith Deutsch. Da sie nicht nach Österreich kommen wollte, wurde ein Entschuldigungsschreiben von einer Delegation überbracht.

1937 | Österreicher und Österreicherinnen unterstützen in Spanien den Kampf gegen die Franco-Diktatur

Rund 1.400 Menschen aus Österreich kämpfen im Spanischen Bürgerkrieg. Unter ihnen ist Hans Landauer, der 1937 die Front erreicht.

Im Juli 1936 führen Soldaten in Spanisch-Marokko (Kolonie in Nordafrika) unter der Führung des späteren Diktators Francisco Franco einen Militärputsch durch. Mit Unterstützung des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland und der faschistischen Herrschaft in Italien breitet sich der Aufstand gegen die spanische Regierung auch auf das Mutterland aus: Dies führt zum Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939).

Die linksgerichtete Spanische Republik wird durch Waffenlieferungen aus der Sowjetunion und von Freiwilligen aus verschiedenen Ländern unterstützt (Internationale Brigaden).
Hans Landauer erreicht 1937 die Front im Spanischen Bürgerkrieg. Er ist damals gerade einmal 16 Jahre alt und somit der Jüngste von den rund 1.400 ÖsterreicherInnen, die mit ihrem Einsatz die Spanische Republik gegen die Aufständischen verteidigen wollen. Für die meisten von ihnen ist die Niederlage der Arbeiterbewegung in den Februarkämpfen 1934 die ausschlaggebende Motivation, in Spanien den Kampf gegen den Faschismus fortzuführen und dessen weitere Ausbreitung in Europa zu verhindern.
Hans Landauer, der sich als 18-Jähriger ausgegeben hat, um überhaupt am Spanischen Bürgerkrieg teilnehmen zu können, kommt später als Gefangener ins Konzentrationslager Dachau (Bayern).

1938 | Das Ende eines eigenständigen Österreichs

1938 endet die Eigenstaatlichkeit Österreichs durch den Einmarsch deutscher Truppen in den Morgenstunden des 12. März.

Drei Tage später wird am Heldenplatz in Wien eine nationalsozialistische Großkundgebung veranstaltet. Adolf Hitler hält eine Rede am Balkon der Neuen Hofburg und wird dabei von tausenden Menschen bejubelt. Mexiko ist eines der wenigen Länder, das Protest gegen den „Anschluss“ und die Besetzung Österreichs einlegt (außerdem tun das Chile, China, das republikanische Spanien und die Sowjetunion). In Wien ist in Erinnerung daran ein Platz im 2. Bezirk nach dem mittelamerikanischen Staat benannt.

Gleich in den ersten Tagen der nationalsozialistischen Herrschaft verschlechtert sich die Situation der jüdischen Bevölkerung dramatisch. Jüdinnen und Juden werden zunehmend aus dem öffentlichen Leben verdrängt, sie werden Opfer von verbaler und körperlicher Gewalt sowie von Plünderungen und Raub. Die Pogromnacht im November 1938 ist der Beginn ihrer systematischen Vertreibung, Enteignung und Vernichtung.

Auf die Initiative von US-Präsident Franklin Roosevelt nehmen 32 Nationen im Juli 1938 an der Konferenz von Évian in Frankreich teil. Ein gemeinsames Flüchtlingsprogramm soll die deutschen sowie österreichischen Jüdinnen und Juden retten. Die Verhandlungen über die Aufnahme einer festgelegten Anzahl von Flüchtlingen scheitern jedoch.

1939 | Kinderschicksale im Krieg, Jugend im Nationalsozialismus

Kindsein während der NS-Zeit konnte unterschiedlichste Schicksale bedeuten.

1939 wird für Kinder und Jugendliche die Mitgliedschaft bei NS-Jugendorganisationen („Deutsches Jungvolk“, „Deutsche Jungmädel“, „Hitlerjugend“ und „Bund Deutscher Mädel“) auch in Österreich Pflicht. Jugendliche ab 15 Jahren werden später im Krieg auch als „Flakhelfer“ (Luftwaffenhelfer) oder für andere „Kriegshilfsdienste“ eingesetzt.

Das Verhandlungsgeschick vor allem jüdischer Organisationen und die Genehmigung durch die britische Regierung ermöglicht 1938 bis 1939 die rasche Emigration von rund 10.000 jüdischen und auch nicht-jüdischen Kindern nach Großbritannien. Am 10. Dezember 1938 verlassen etwa 400 mit dem ersten Kindertransport Wien. Ein Mahnmal am Wiener Westbahnhof erinnert daran (s. Foto).

Viele verfolgte Kinder können jedoch nicht flüchten. Manche werden versteckt und schaffen es so, die NS-Zeit zu überleben. Aber die viel größere Zahl (überwiegend jüdische Kinder) stirbt durch Krankheit, Erschöpfung oder Ermordung in den Ghettos und Konzentrationslagern. Nur wenige überleben die Gefangenschaft.

Unangepasstheit von Jugendlichen führt in der NS-Zeit leicht zur Ausgrenzung und sogar Verfolgung. Dies gilt beispielsweise für die „Schlurfs“. Das ist eine herabwürdigende Bezeichnung für einen männlichen „Herumtreiber“, der durch seine langen Haare auffällt. Manchem „Schlurf“ wird zur Demütigung von der Stirn bis in den Nacken ein kahler Streifen geschoren.

1940 | Widerstand kann vieles sein

Trotz breiter Zustimmung, die der Nationalsozialismus mit und nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich erfährt, gibt es auch Widerstand gegen das NS-Regime

Roman Karl Scholz ist ein Vertreter des katholisch-konservativen Widerstands. Seine „Österreichische Freiheitsbewegung“ will die Bevölkerung u.a. mit Flugblatt-Aktionen über den Nationalsozialismus aufklären. Der Priester und Religionslehrer versucht auch, mit anderen konservativen Widerstandsgruppen in Kontakt zu treten. Im Juli 1940 wird Scholz verhaftet und 1944 im Wiener Landesgericht hingerichtet.

Mit Fortschreiten des Kriegs gibt es weitere Formen des Widerstands. 1944 taucht das Zeichen O5 als Symbol des Widerstands gegen die NS-Herrschaft in Wien auf.

Auch auf dem Land gibt es Widerstand: Im Salzkammergut beispielsweise durch die Untergrundgruppe „Willy-Fred“ mit ihrem Organisator und ehemaligen Spanienkämpfer Sepp Plieseis. Als Basis von Willy-Fred dient der „Igel“, ein selbsterrichteter Unterschlupf im Toten Gebirge (s. Abbildung) für Deserteure und Verfolgte. Ebenso im Salzkammergut ansässig ist Resi Pesendorfer. Sie gehört einem Frauennetzwerk des Widerstands an.
In Kärnten sind slowenische Partisanen und Partisaninnen aktiv. Sie waren letztlich die bedeutendste organisierte und bewaffnet kämpfende Widerstandsgruppierung gegen die NS-Diktatur in Österreich. 

„Flüsterwitze“ sind eine andere Ausdrucksform des Widerstands: Selbst Witze sind wegen des „Heimtücke-Gesetzes“ eine gefährliche Angelegenheit und können sogar die Todesstrafe zur Folge haben, ebenso wie das Hören von „Feindsendern“ (ausländischen Radiosendern) oder das Verstecken von verfolgten Menschen.

1941 | Deportation im Nationalsozialismus

Juden, Jüdinnen, Roma, Sinti, Kärntner Sloweninnen und Slowenen – sie und zahlreiche andere Gruppen werden vom NS-Regime ausgegrenzt, verfolgt, verschleppt, zur Arbeit gezwungen, ermordet.

Ab September 1941 müssen Jüdinnen und Juden ab dem vollendeten sechsten Lebensjahr den gelben Judenstern tragen. Wer als jüdisch gilt, bestimmt das Reichsbürgergesetz (Teil der Nürnberger Gesetze). In der Zeit des Nationalsozialismus ist diese Verordnung der „letzte Schritt zur Ausgrenzung“, die in der Öffentlichkeit besonders unmittelbar nach dem „Anschluss“ und durch das Novemberpogrom 1938 sichtbar wird.
Außerdem werden ab 1941 Juden und Jüdinnen aus Wien in Ghettos und Konzentrationslager verschleppt (Deportation) – für viele bedeutet dies den Tod.
Gewaltexzesse, Plünderungen, Enteignungen und der Raub von persönlichen Gegenständen oder des gesamten Besitzes veranlassen bereits in den Jahren zuvor manche zur Auswanderung nicht nur in europäische Länder, sondern u.a. auch in die Vereinigten Staaten (USA), nach China, Südafrika oder in verschiedene Länder Südamerikas. Diese durch die Umstände erzwungene Emigration ist mit großen Schwierigkeiten verbunden und verläuft auch oft erfolglos.

1940 wird die Deportation aller Roma und Sinti beschlossen. Viele der Deportierten und in Lager Inhaftierten überleben dies nicht. Bereits zuvor werden sie ausgegrenzt und in ihrer Lebensweise eingeschränkt – beispielsweise durch den „Festsetzungserlass“, welcher ihnen das Verlassen ihres Aufenthaltsorts verbietet.
1942 deportiert das NS-Regime rund 1.000 Kärntner Sloweninnen und Slowenen (verharmlosend als „Aussiedlung“ bezeichnet). Sie werden in Lager gebracht und müssen Zwangsarbeit verrichten.

1942 | Zentrale Kriegsjahre und Blick in die Zukunft

Der Kriegseintritt der USA, die Schlacht von Stalingrad und das Ende des Afrikafeldzugs sind weitreichende Ereignisse im Zweiten Weltkrieg. Prägend für die zukünftige Entwicklung sind auch zwei Deklarationen.

Anfang 1942 unterschreiben 26 Staaten die Deklaration der Vereinten Nationen. Die Regierungen verpflichten sich in dieser Erklärung zur Zusammenarbeit im Krieg gegen das Deutsche Reich, Italien sowie Japan.
Die Unterzeichnung ist ein bedeutender Schritt auf dem Weg zur Gründung der UN, erstmals wird der Begriff „Vereinte Nationen“ verwendet.

Einer der Unterzeichnerstaaten, die USA, ist erst Ende 1941 – nach dem japanischen Überraschungsangriff auf die US-Flottenbasis auf Hawaii (Pearl Harbor) – in den Krieg eingetreten. Durch den amerikanischen Kriegseintritt werden die militärischen Kräfte auf Seite der Alliierten massiv verstärkt.
Auch die Niederlage der deutschen Wehrmacht bei der Schlacht von Stalingrad (1942-1943) und das Ende des Afrikafeldzugs im Mai 1943 sind von großer Bedeutung für den weiteren Kriegsverlauf und beschleunigen die Niederlage des Deutschen Reichs.

Österreich ist 1938 bis 1945 Teil des Deutschen Reichs. Die Zukunft Österreichs ist Gegenstand der Moskauer Deklaration vom 30. Oktober 1943. Diese Erklärung hält fest, dass Österreich als erstes Land der Angriffspolitik Hitlers zum Opfer gefallen sei und von deutscher Herrschaft befreit werden müsse. Ebenso die Beteiligung an der Seite Hitler-Deutschlands am Krieg wird vermerkt. Und: Es würde letztlich aber auch beurteilt werden, inwiefern Österreich sich selbst an der Befreiung vom Nationalsozialismus beteilige.
Die Deklaration wird nach dem Krieg eine Grundlage für den „Opfermythos“, die Nazi-Verbrechen werden in erster Linie Deutschland bzw. den Deutschen angelastet. Dabei haben sich auch viele Österreicher und Österreicherinnen an den Verbrechen des Nationalsozialismus beteiligt oder diese geschehen lassen.

1943 | NS-Verbrechen: Vernichtung durch Arbeit und Euthanasie

Konzentrationslager, Vernichtungslager und Euthanasie-Anstalten sind Orte der verbrecherischen Taten in der Zeit des Nationalsozialismus.

Das Konzentrationslager Ebensee in Oberösterreich wird als Außenkommando des KZ Mauthausen errichtet. Am 18. November 1943 treffen die ersten Gefangenen in Ebensee ein. Bis zur Befreiung durch US-Truppen am 6. Mai kommen mehr als 8.000 Menschen aufgrund katastrophaler Lebensbedingungen und Gräueltaten sowie als Folge des harten Arbeitseinsatzes ums Leben. Zu einer der zwei Stollenanlagen, in denen die Zwangsarbeit verrichtet werden muss, führt ein von Stacheldraht umzäunter Weg. Dieser wird als „Löwengang“ bezeichnet, da sich die Gefangenen wie Tiere durch einen Käfig getrieben fühlen.

Zwangsarbeit im Deutschen Reich müssen Kriegsgefangene, zivile Arbeitskräfte, KZ-Häftlinge, Roma und Sinti, Juden und Jüdinnen und andere verfolgte und diskriminierte Gruppen leisten.

Ein anderes der mehr als 40 Außenlager des KZ Mauthausen befindet sich in Hinterbrühl (Niederösterreich). In der Seegrotte, die seit 1932 eine bekannte Sehenswürdigkeit ist, müssen die Häftlinge Teile für Kriegsflugzeuge anfertigen. Als Ende März 1945 das Lager aufgelöst wird, ermorden Aufseher 52 „marschunfähige“ Gefangene. Auf dem kräfteraubenden Weg in das KZ Mauthausen sterben 152 weitere Menschen.

Im Nationalsozialismus werden Menschen wegen ihrer Behinderung in eigens dafür bestimmten Einrichtungen ermordet. Schloss Hartheim bei Linz in Oberösterreich ist 1940 bis 1944 eine dieser Euthanasie-Anstalten (Tötungsanstalten) des Deutschen Reichs.

1944 | Krieg und Zerstörung

Das NS-Regime ordnet am 18. Oktober 1944 den sogenannten „Volkssturm“ an.
Vor der Befreiung Österreichs durch die alliierten Streitkräfte kommt es zu schweren Luftangriffen und Kämpfen.

Betroffene des „Volkssturms“ sind alle männlichen Zivilpersonen zwischen 16 und 60 Jahren; schlecht ausgebildet und ausgerüstet wird ihnen im sechsten Kriegsjahr angeordnet, die Wehrmacht vor allem in der Heimat zu verstärken.
In den letzten Kriegsmonaten nehmen die Bombardierungen der Städte zu. Der schwerste Luftangriff erfolgt wenige Wochen vor Kriegsende am 12. März 1945 und trifft die Wiener Innenstadt. Der von mehreren Bomben getroffene Philipphof wird zu einem Massengrab, die Staatsoper, das Burgtheater, der Stephansdom und das Kunsthistorische Museum werden stark beschädigt.
Der erste schwere Bombenangriff der Alliierten gegen ein Ziel in Österreich wurde bereits im August 1943 gegen den Rüstungsstandort Wiener Neustadt geflogen.

Vom 6. bis 13. April 1945 findet schließlich die „Schlacht um Wien“ statt: Nach dem Einmarsch der Roten Armee kommt es zu opferreichen Kämpfen. Um die 40.000 Menschen sterben.
Bereits am 2. April hatte eine Widerstandsgruppe rund um Major Carl Szokoll einen Gesandten zu den russischen Truppen geschickt, um über eine aktive Unterstützung durch die Widerstandsbewegung in Wien zu verhandeln. Nach Verhaftungen und Hinrichtungen durch die Gestapo (Geheime Staatspolizei) scheiterte jedoch dieser militärische Widerstand gegen das NS-Regime.

 

1945 | Kriegsende in Europa

Am 8. Mai 1945 endet der Zweite Weltkrieg. An diesem Tag treffen in Niederösterreich russische und amerikanische Militärs aufeinander. In der Steiermark können Bergmänner wenige Tage zuvor wertvolle Kunstwerke retten.

Russische und amerikanische Militärangehörige treffen zu Kriegsende in Österreich aufeinander: In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 schütteln sich in Erlauf (Niederösterreich) der US-amerikanische General Stanley Reinhart und der sowjetische General Dmitri Dritschkin die Hände (s. Foto). Gemeinsam feiern sie die bedingungslose Kapitulation Deutschlands und „den um 00:01 Uhr in Kraft tretenden Waffenstillstand“. Der Krieg in Europa ist damit beendet.

In den letzten Kriegswochen ordnet das Naziregime Gewaltexzesse und Morde an – die sogenannten Endphaseverbrechen. Viele Österreicher und Österreicherinnen beteiligen sich an diesen Gräueltaten. Ein Beispiel ist die „Kremser Hasenjagd“: Im April 1938 verfolgen und ermorden NS-Einheiten zuvor freigelassene (großteils politische) Häftlinge des Zuchthauses Stein in Niederösterreich.

Vereinzelt werden kurz vor Kriegsende waghalsige Taten vollbracht: In der Steiermark können Bergmänner die von NS-Gauleiter August Eigruber befohlene Sprengung der im Salzbergwerk Altaussee gelagerten Kunstwerke (u.a. von Michelangelo, Rubens, Rembrandt, Dürer) am 5. Mai 1945 verhindern. Die Arbeiter des Bergwerks riskieren dabei ihr Leben, um die Kunstschätze zu retten und ihre Arbeitsplätze zu erhalten. Der Gesamtwert der im Bergwerk vom NS-Regime zusammengetragenen und gestohlenen Kulturgüter wird nach dem Krieg auf mehrere Milliarden US-Dollar geschätzt.

Der 8. Mai ist als Tag der Befreiung ein wichtiger Gedenktag in vielen Ländern Europas. In Erlauf selbst organisiert die Gemeinde seit 1965 Gedenkfeiern. „Vodka, Whisky und Veltliner“ ist das Motto der ersten Feier.

1946 | „Ein Carepaket zu bekommen war fast wie Weihnachten“

Nach dem Krieg ist Österreich auf die Unterstützung anderer Länder angewiesen.

In der Nachkriegszeit herrscht große Armut in Österreich. Viele Menschen sind unterernährt – Kinder trifft es besonders hart. Die Vereinigten Staaten (USA) helfen in dieser Notlage nicht nur mit dem staatlichen Marshallplan (1948-1953), sondern auch mittels einer privaten Hilfsorganisation: CARE (Cooperative for American Remittances to Europe) will die Armut und Not in Europa bekämpfen. Am 25. Juli 1946 werden Bundespräsident Karl Renner symbolisch die ersten zehn Carepakete übergeben.
Über eine Million dieser Hilfspakete werden bis 1955 in Österreich verteilt. Sie enthalten u.a. Fleisch, Getreideprodukte, Honig, Dörrobst, Früchte, Marmelade, Pudding, Gemüse, Zucker, Schokolade, Decken, Wollstoff, Kondensmilch und auch Zigaretten.

Um der Unterversorgung der Kinder entgegenzuwirken, gibt es außerdem sogenannte Kinderlandverschickungen: Man bringt Stadtkinder in ländliche Gebiete, in denen die Versorgung mit Lebensmittel etwas besser ist. Zusätzlich werden österreichische Kinder ab November 1945 zunächst in die Schweiz und später auch in andere europäische Staaten (u.a. Belgien, Dänemark, England, Frankreich, Norwegen, Niederlande) geschickt.
Kinderlandverschickungen während des Zweiten Weltkriegs hingegen waren wegen der Gefahr durch Bomben und Kriegshandlungen notwendig.

1947 | Judenwanderung

Im Sommer 1947 findet die sogenannte Judenwanderung statt.

Ungefähr 5.000 überwiegend osteuropäischen Jüdinnen und Juden gelingt im Sommer 1947 von Salzburg aus die Überquerung der Krimmler Tauern nach Südtirol. Dieser Weg ist für viele die einzige Möglichkeit, um die Hafenstadt Genua in Italien zu erreichen. Die u.a. wegen antisemitischer Ausschreitungen Flüchtenden wollen per Schiff von Italien aus Palästina erreichen. Sie hoffen, dort eine neue und friedliche Heimat zu finden. Zum Gedenken an die sogenannte Judenwanderung findet seit 2007 jedes Jahr die Friedenswanderung „Alpine Peace Crossing“ vom Krimmler Tauernhaus (Salzburg) nach Kasern (Südtirol) statt.

Viele der Nachkriegsflüchtlinge sind Displaced Persons: Rund 10 Millionen Menschen befinden sich nach dem Krieg nicht in ihren Heimatländern, sind auf der Flucht oder haben keine Dokumente. Darunter ausländische ZwangsarbeiterInnen, aus ihren Heimatländern vertriebene Menschen sowie Überlebende der Konzentrationslager. Die daraus entstehenden Flüchtlingsströme führen zu einer der größten Bevölkerungsbewegungen der Neuzeit.

1948 | Humanitärer Fortschritt und wirtschaftlicher Wiederaufbau

Nach dem Zweiten Weltkrieg werden die Menschenrechte international verankert. Daneben ist die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage ein wichtiges Anliegen.

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (AEMR) wird am 10. Dezember 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN) verabschiedet. Die Deklaration ist eine Empfehlung, aber nicht einklagbar. Zwei Jahre später legt die UN den 10. Dezember als Internationalen Tag der Menschenrechte (Human Rights Day) fest.
1950 verabschiedet der Europarat die Europäische Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK). In Österreich tritt die Konvention 1958 in Kraft. Vermutete Rechtsverletzungen können beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingeklagt werden.

Neben ihren Grund- und Menschenrechten ist der Bevölkerung aber auch der wirtschaftliche Wiederaufbau wichtig. Ein Faktor für die Verbesserung der Wirtschaftslage ist  die finanzielle Unterstützung durch den Marshallplan (1948-1953). Die 1948 gegründete Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit (OEEC, später OECD) soll zu einer erfolgreichen Umsetzung des Aufbauprogramms beitragen. Österreich ist eines der Gründungsmitglieder dieser Organisation.
Weiters werden Österreich 1948 mit dem Beitritt zum Internationalen Währungsfonds sowie zur Internationalen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (Weltbank) verstärkte Möglichkeiten für den Welthandel eröffnet.

1949 | Die staatsbürgerliche Erziehung der Jugend

Zum Schulschluss 1949 macht das Unterrichtsministerium den Erlass „Staatsbürgerliche Erziehung“ bekannt. Patriotismus ist oberstes Ziel.

Austrofaschismus, Nationalsozialismus und Krieg hatten verheerende Auswirkungen auf die politische Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Im Unterricht prägten antidemokratische Traditionen, widerspruchslose Einordnung und „Rassenlehre“, wie und was unterrichtet wurde.

Neben dem wirtschaftlichen und baulichen Wiederaufbau wurde nach Kriegsende und Befreiung vom Nationalsozialismus eine demokratische Erneuerung der Bildung begonnen. 1949 schließlich werden mit dem Erlass „Staatsbürgerliche Erziehung“ Ziele und Inhalte vorgegeben. Die „Erziehung zu treuen und tüchtigen Bürgern der Republik“ und die „Weckung und Pflege des österreichischen Heimat- und Kulturbewusstseins“ stehen im Vordergrund.

Gesellschaft und Demokratie entwickeln sich weiter und verlangen auch in der Bildung nach Reformen. Mit dem Grundsatzerlass „Politische Bildung in den Schulen“ (1978) erfolgt drei Jahrzehnte später eine Modernisierung. Er legt die Basis dafür, wie seither in österreichischen Schulen Politische Bildung unterrichtet wird: als „aktiver Beitrag zur Gestaltung der Gesellschaft und zur Verwirklichung der Demokratie“.

1950 | Auf halbem Weg zum Staatsvertrag

Nach Kriegsende und der Befreiung Österreichs 1945 beginnt der Wiederaufbau. Bis zum Staatsvertrag von Wien und der Unabhängigkeit Österreichs vergehen 10 Jahre.

Für den britischen Spielfilm „Der dritte Mann“ wird 1949 am Neuen Markt im 1. Wiener Gemeindebezirk (Innere Stadt) eine Szene gedreht. Am Drehort sind Kriegszerstörungen sichtbar (s. Foto). Die Hauptstadt und auch das restliche Land befinden sich noch in der Wiederaufbauphase nach dem Zweiten Weltkrieg.
1950 ist „Der dritte Mann“ erstmals in österreichischen Kinos zu sehen. Der Film stellt die Nachkriegszeit in Wien anhand eines Thrillers dar. Österreich ist am halbem Weg zum Staatsvertrag.  Neben der Hoffnung, bald ein unabhängiger Staat zu sein, stehen Sorgen über die wirtschaftliche Situation im Vordergrund.

Wegen des Kalten Krieges und Meinungsverschiedenheiten der Besatzungskräfte (vor allem zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion) machen die Staatsvertragsverhandlungen (seit 1947) nur langsam Fortschritte. Ein Ende der Besatzung verzögert sich aufgrund wachsender Gegensätze zwischen dem von der Sowjetunion geführten Osten und dem Westen unter Führung der USA. Die Spannungen blockieren für viele Jahre den Abschluss eines Staatsvertrags. Eine Teilung Österreichs ist zu diesem Zeitpunkt nicht auszuschließen. 

Am 15. Mai 1955 ist es dann so weit. Der Staatsvertrag von Wien wird im Schloss Belvedere unterzeichnet. Österreich ist damit wieder ein souveräner Staat.
Das Ereignis hat bis heute für die Identität der Bevölkerung einen hohen Stellenwert.

1951 | Welt-Pfadfindertreffen und US-amerikanische Kulturimporte

Vom 3. bis 13. August 1951 findet das siebente Welt-Pfadfindertreffen in Bad Ischl (Oberösterreich, US-Zone) statt. Es nehmen 20.000 Pfadfinder aus 42 Staaten teil.

In- und ausländische Persönlichkeiten besuchen im August 1951 die Boy Scouts in Bad Ischl (Oberösterreich, US-Zone). Erst 1983 können auch Mädchen aus gemischten Verbänden an den Jamborees (Welt-Pfadfindertreffen) teilnehmen.
Am letzten Tag des siebenten Welt-Pfadfindertreffens sind rund 40.000 BesucherInnen zu Gast.

Bei der Eröffnung ist der Hochkommissar der US-amerikanischen Besatzungsmacht, Walter J. Donnelly, anwesend. In Pfadfinderuniform führt Johannes Figl, der Sohn des österreichischen Bundeskanzlers Leopold Figl, den Sohn Donellys durch die Zeltstadt. Der Auftakt zur Freizeitveranstaltung wird damit auch zu einer politischen Veranstaltung (gemacht).

Das United States Information Service (USIS) ist bei dem großen Event ebenfalls dabei. Dessen professionelle Medienarbeit dominiert die Berichterstattung der Nachkriegszeit. Die Vereinigten Staaten (USA) scheinen in dieser Hinsicht den sowjetischen Besatzern überlegen zu sein. 

In der Nachkriegszeit kommt die österreichische Bevölkerung zunehmend mit dem American Way of Life in Kontakt. Der Einfluss des „Westens“ wird immer deutlicher und geht einher mit einer antikommunistischen Grundstimmung. Technischer Fortschritt, wie moderne Küchen- und Haushaltsgeräte, und die Kulturimporte Jazz und Rockmusik gelten als Ausdruck des Aufbruchs.

1952 | Kühlschränke für die Massen

In den 1950er-Jahren ist der Kühlschrank noch ein Luxusgegenstand. Nur in 2 % der Haushalte kann man ihn 1952 finden.

Der Vorgänger des Kühlschranks ist der Eiskasten, der in zwei Fächer geteilt ist. In einem Fach wird Eis gelagert, um die Speisen und Getränke in dem anderen Fach kühl zu halten. Das Eis in Blockform liefern Firmen bzw. die „Eismänner“. Die bereits 1898 gegründeten Vereinigten Eisfabriken und Kühlhallen in Wien sind eines dieser Unternehmen (s. Abbildung).

Der Kühlschrank, wie wir ihn heute kennen, ist ein elektrisches Gerät, das technisch Kälte erzeugt. Dabei kommt das sogenannte Linde-Verfahren (um 1900) zur Luftverflüssigung zum Einsatz. In Europa geht diese Neuerung erst in den 1950er-Jahren in die Massenproduktion.
Das Gerät bleibt aber anfangs ein Luxusgegenstand, den sich nur wenige leisten können. So gibt es 1952 nur in 2 % der Haushalte einen elektrisch oder mit Gas betriebenen Kühlschrank. 1957 findet man ihn in 8 bis 9 % und 1971 bereits in fast 67 % der Haushalte.

Heute ist für Menschen in vielen Teilen der Welt ein Leben ohne moderne Kühlschränke kaum vorstellbar.

1953 | Marshallplan und Wirtschaftsaufschwung

Der Marshallplan, das European Recovery Program (ERP), läuft 1953 aus. Mit seiner Unterstützung gelingt Österreich der wirtschaftliche Aufschwung.

In der Nachkriegszeit leiden die Menschen unter Lebensmittelknappheit, Armut und hoher Arbeitslosigkeit. Mit dem Marshallplan verbessert sich die Situation. Österreich bezieht seit der Vertragsunterzeichnung mit den Vereinigten Staaten (USA) am 2. Juli 1948 Hilfslieferungen im Wert von rund 960 Millionen Dollar.
Nicht nur Lebensmittelhilfe, sondern vor allem die Förderung einer eigenständigen Wirtschaft und Industrie ist von großer Bedeutung. So wird etwa eine Entwässerungsanlage unterstützt, die eine landwirtschaftliche Nutzung von Sumpfwiesen im Gailtal (Kärnten) möglich machen soll (s. Foto). Dieses Projekt ist nur eines von vielen Beispielen.

Der Marshallplan verhilft vor allem Städten und Industriegebieten zu wirtschaftlichem Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg („Goldene Fünfzigerjahre“). Auch Wohlstand und Einkommen der Einzelnen erhöhen sich. Der Abstand zwischen Arm und Reich bleibt aber weiterhin bestehen.
In ländlichen Gebieten sowie in der – noch kaum technisierten – Landwirtschaft werden die Auswirkungen des Marshallplans nur langsam spürbar. Teure Modernisierungen und Arbeitskräftemangel (durch Abwanderungen in die Städte) verzögern die wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung.

1954 | Naturkatastrophen und freiwilliges Engagement

Im Vergleich zu anderen Regionen der Welt, wie dem am meisten geplagten Asien-Pazifik-Raum, ist Österreich seltener Opfer von großen Naturkatastrophen. 1954 gibt es aber gleich zwei davon.

Im Jänner 1954 kommt es zu einer der größten Lawinenkatastrophen der Welt: Nach starkem Schneefall werden in verschiedenen Orten in Vorarlberg rund 270 Menschen von Lawinen verschüttet, über 120 davon sterben und fast 500 Objekte werden zerstört.
An den durch die Zerstörungen erschwerten Hilfsaktionen beteiligen sich erstmals Hubschrauber aus der Schweiz sowie von der amerikanischen Armee. 

In Österreich treten von allen Naturkatastrophen am häufigsten Hochwasser auf. Die durch die Überschwemmungen entstehenden Schäden sind für die betroffene Bevölkerung enorm.
Im Sommer 1954 wird durch starke Regenfälle die bis dahin in Österreich größte Hochwasserkatastrophe des 20. Jahrhunderts ausgelöst. In Linz (Oberösterreich) müssen aufgrund starker Überschwemmungen rund 5.500 Personen in Sicherheit gebracht werden. Auch Niederösterreich, Salzburg und Wien sind von diesem Hochwasser besonders stark betroffen.
2002 und 2013 gibt es in Österreich weitere Hochwasserkatastrophen dieser Größenordnung (sogenannte Jahrhunderthochwasser).

Hilfsaktionen und Aufräumarbeiten nach derartigen Katastrophen werden häufig durch Freiwillige unterstützt und in manchen Fällen dadurch überhaupt erst möglich gemacht. Freiwilliges Engagement und ehrenamtliche Tätigkeiten sind auch im Sozial- und Gesundheitsbereich, im Gedenkdienst oder beispielsweise in den Wiener Bezirksmuseen sowie in vielen anderen Bereichen von großer Bedeutung.

1955 | Generation ohne Väter

Viele Väter befinden sich in Kriegsgefangenschaft, sind im Krieg gefallen oder müssen nach Besatzungsende das Land verlassen.

Durch den Staatsvertrag von Wien (15. Mai 1955) wird die Unabhängigkeit Österreichs wiederhergestellt. Der Abzug der schon reduzierten Besatzungstruppen ist bis Ende Oktober abgeschlossen. Dabei bleiben Töchter und Söhne zurück.

Kinder afroamerikanischer Soldaten sind die erste Generation schwarzer Menschen in der Zweiten Republik. Es gibt aber auch Kinder von Angehörigen anderer Besatzungsnationen (Sowjetunion, Frankreich, Großbritannien).

Viele von ihnen leiden unter Diskriminierungen. Entweder wegen ihrer Hautfarbe oder weil sie uneheliche Kinder sind. Zum Teil werden sie als Kinder der „feindlichen“ Besatzer gesehen und nicht akzeptiert oder schlecht behandelt.

Zu der „Generation ohne Väter“ zählen auch andere Kinder und Jugendliche. Denn manche Väter befinden sich noch immer in Kriegsgefangenschaft oder sind im Krieg gefallen. Und wieder andere haben ihre Väter durch Ermordung und Verfolgung durch das NS-Regime verloren.

1956 | Europarat und Flüchtlingshilfe

Nach und nach findet Österreich wieder Zugang zu internationalen Organisationen. Der Beitritt zum Europarat im April 1956 ist ein wichtiger Schritt für die europäische Zusammenarbeit.

Nach der Aufnahme in die Vereinten Nationen 1955 ist im Jahr darauf der Beitritt zum Europarat ein entscheidender Meilenstein am Weg zur Integration (Eingliederung) in die internationale Staatengemeinschaft. Und obwohl Österreich ein kleines Land ist, kann es später mit Kurt Waldheim (Generalsekretär der Vereinten Nationen 1972-1981), Walter Schwimmer (Generalsekretär des Europarats 1999-2004), Gertrude Tumpel-Gugerell (Direktoriumsmitglied bei der Europäischen Zentralbank 2003-2011) und Christine Muttonen (Präsidentin der Parlamentarischen Versammlung der OSZE 2016-2017) Spitzenpositionen in internationalen Organisationen besetzen.
Außerdem wird die österreichische Bundeshauptstadt ein beliebter Standort für internationale Organisationen: In Wien befindet sich u.a. der Verwaltungssitz der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO), das Vienna International Centre der Vereinten Nationen (UNO-City) und seit 1995 der Sitz der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE).

Im Herbst 1956 zeigt der Aufstand der ungarischen Bevölkerung gegen das kommunistische Regime und die dadurch ausgelöste Fluchtbewegung, dass Krisen und Konflikte in der Nachbarschaft Auswirkungen haben: Österreich nimmt ca. 200.000 Flüchtlinge auf, wovon jedoch nur rund 18.000 dauerhaft bleiben. Anfangs ist die Solidarität groß. Wegen Gerüchten und falscher Informationen schlägt die Stimmung später aber teilweise ins Gegenteil um.

1957 | Anfänge und Meilensteine des Patschenkinos

In Österreich beginnt 1957 die regelmäßige Ausstrahlung von TV-Sendungen. Einige Produktionen gelten als Meilensteine der österreichischen Fernsehgeschichte.

Die ersten Sendungen werden schon im August 1955 gezeigt. Zu der Zeit gibt es aber nur wenige Stunden Sendezeit pro Tag und gerade einmal 1.000 TV-Geräte im Einsatz. 1957 startet der Vollbetrieb mit Ausnahme des Dienstags, der bis 1959 fernsehfrei bleibt. Ab September 1961 wird das Angebot auf einen zweiten Sender erweitert. In den folgenden Jahren nimmt die Breitenwirkung des staatlichen Fernsehens immer mehr zu.

Wichtige Sendungen für die Identitätsbildung der Bevölkerung werden im Laufe der Jahre österreichische Produktionen wie die Kultserie „Ein echter Wiener geht nicht unter“ (1975-1979), die Fernsehfilmreihe „Alpensaga“ (1976-1980) sowie die Geschichtsdokus „Österreich I“ und „Österreich II“ von Hugo Portisch und Sepp Riff (1981-2013). Manche Darstellungen wurden jedoch auch kritisiert.

Die US-amerikanische Serie „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“ wird im Österreichischen Rundfunk (ORF) vom 1. bis 4. März 1979 erstmals ausgestrahlt. Viele Menschen werden dadurch angeregt, sich mehr mit der NS-Vergangenheit zu beschäftigen.

Die erste Live-Diskussionssendung, der „Club 2“ (1976-1995, 2007-2012), ist ebenfalls ein Meilenstein in der österreichischen Fernsehgeschichte.

1958 | Mailüfterl und österreichische Luftfahrtgesellschaft

Computertechnik und Linienflugverkehr werden in Österreich Ende der 1950er-Jahre vorangetrieben.

„Wenn es auch nicht die rasante Rechengeschwindigkeit amerikanischer Modelle erreichen kann, die ‚Wirbelwind‘ oder ‚Taifun‘ heißen, so wird es doch für ein Wiener ‚Mailüfterl‘ reichen.“ (Heinz Zemanek)

„Mailüfterl“ heißt im Wienerischen der Wind, der im Mai durch die Stadt bläst. Heinz Zemanek von der Technischen Universität Wien und sein Team bauen von 1956 bis 1958 an einem „Binär dezimalen Volltransistor-Rechenautomat“, dem sie diesen Namen geben. Der Transistorrechner ist weltweit einer der ersten Computer, die nicht mehr mit Elektronenröhren arbeiten. Stattdessen werden kleinere und in der Herstellung günstigere Transistoren verwendet. Diese Entwicklung ist ein wichtiger Fortschritt für die Computertechnik.
Seit 1974 steht das „Mailüfterl“ im Technischen Museum Wien (s. Foto).

Am 31. März 1958 findet der erste Flug der Austrian Airlines statt. Der Jungfernflug der neuen Fluglinie geht vom Flughafen Wien-Schwechat aus nach London. Es ist der Start für einen regelmäßigen Linienflugverkehr. Vorerst werden nur Ziele in Europa angeflogen (Frankfurt, Paris, Rom, Stuttgart, Warschau, Zürich).
Erst der Staatsvertrag von Wien 1955 ermöglichte die Betriebsaufnahme: Österreich erhielt damals wieder Hoheit über den eigenen Luftraum.

1959 | Urlaub und Freizeit in den 1950er-Jahren

Steigende Löhne und kürzere Arbeitszeiten ermöglichen in den „Goldenen Fünfzigerjahren“ eine neue Freizeitkultur.

Einzug der Fernsehgeräte in die Wohnzimmer, Kleidung der „Halbstarken“ (Lederjacken, Jeans, Stiefel), ein Kinoboom – das sind in den 1950er-Jahren Beispiele für eine moderne Freizeitkultur und einen neuen Lebensstil. Auch neue Fahrzeuge wie Motorroller oder der Puch 500 (Kleinstwagen) kommen während dieser Zeit in Mode. Der Straßenverkehr nimmt stetig zu.

1959 wird in Österreich die 45-Stunden-Arbeitswoche eingeführt, weshalb viele über mehr Freizeit verfügen. Steigende Löhne ermöglichen immer mehr Familien, sich (kleine) Urlaube zu leisten.
Ferien werden zunehmend auch im Ausland verbracht. Allein im Jahr 1958 nächtigen rund 1,7 Millionen österreichische Gäste in Italien. Auch Camping ist eine beliebte Urlaubsoption.

Auf Grund strenger Einreiseregelungen während der Besatzungszeit (1945-1955) kam der Tourismus in Österreich selbst nur langsam in Schwung. Mehr und moderne Seilbahnen und Lifte sollen vor allem den Wintertourismus fördern.

1960 | Metallerstreik zu Beginn des „Goldenen Zeitalters“ der Sozialpartnerschaft

Anfang der 1960er-Jahre etabliert sich die Sozialpartnerschaft immer mehr als Verhandlungspartnerschaft. 1962 gibt es dennoch einen großen Streik.

Die Gründung von Unterausschüssen der Paritätischen Kommission sind wichtig für die Sozialpartnerschaft. Beispielsweise wird durch das Raab-Olah Abkommen – benannt nach Gewerkschafts-Präsident Franz Olah und Wirtschaftskammer-Präsident Julius Raab – 1962 ein eigener Unterausschuss für Lohnfragen geschaffen. Außerdem will man mit diesem Abkommen den Arbeitsmarkt für Menschen aus dem Ausland öffnen, denn die österreichische Wirtschaft braucht Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen.
Vor allem die Errichtung des Beirats für Wirtschafts- und Sozialfragen 1963 als einen weiteren Unterausschuss ermöglicht ein noch breiteres Handlungsfeld.

Als Anfang des „Goldenen Zeitalters“ der Sozialpartnerschaft gelten das Ende der 1950er-Jahre und der Beginn der 1960er-Jahre. Dennoch wird genau in dieser Zeit die „Harmonie“ zwischen den Sozialpartnern durch einen Streik gestört: Vom 9. bis zum 12. Mai 1962 streiken rund 200.000 Metallarbeiter und Metallarbeiterinnen (ungefähr 5.2 Millionen Streikstunden). Es ist einer der größten Streiks der Zweiten Republik. Die Streikenden fordern Lohnerhöhungen, arbeitsrechtliche Verbesserungen und die Abschaffung der für Frauen benachteiligenden Lohngruppen. Die Streikenden erreichen in allen Anliegen zumindest Teilerfolge.

Insgesamt gibt es in Österreich aber nach der ersten Hälfte der 1960er-Jahre nur wenige Streiks mit hoher Beteiligung. Erst 1973 gibt es wieder einen großen Streik: Über 75.000 Lehrerinnen und Lehrer wollen ihre Gehaltsforderung durchsetzen (rund 800.000 Streikstunden). Das Ergebnis ist ein Kompromiss bei den Gehaltsverhandlungen.

1961 | Österreich in der Vermittlerrolle

Das neutrale Österreich versucht im Kalten Krieg und später im Nahostkonflikt, eine Brückenfunktion zu erfüllen.

Im Juni 1961 findet in Wien ein Gipfeltreffen zwischen US-Präsident John F. Kennedy und dem Regierungschef der Sowjetunion (UdSSR), Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, statt. Das neutrale Österreich will als Austragungsort vermittelnd tätig sein. Das Treffen der beiden mächtigsten Akteure des Kalten Kriegs bleibt aber ergebnislos.
Der Cadillac (s. Foto), mit dem der US-Präsident durch Wien und zusammen mit der First Lady „Jackie“ Kennedy auch zum Schloss Schönbrunn sowie zum Stephansdom gefahren wird, befindet sich noch immer in Österreich – im Besitz eines pensionierten Gymnasialprofessors.

Auch nach dem Kalten Krieg ist Österreich wegen seiner Neutralität ein Ort für wichtige Gipfeltreffen und politische Begegnungen – u.a. für Gespräche verschiedener Parteien des Nahostkonflikts: So kommen 1975 US-Präsident Gerald Ford und der ägyptische Staatspräsident Anwar el Sadat zu Nahost-Gesprächen nach Salzburg. Ein Treffen von Sadat mit dem israelischen Oppositionsführer Shimon Peres 1978 findet ebenfalls in Salzburg statt.
Außen- und Nahostpolitik in der Vermittlerrolle sind ein zentrales Anliegen von Bruno Kreisky während seiner Amtszeit als Bundeskanzler (1970-1983).

1962 | SOS-Kinderdorf und Babyboom

Am 30. September 1962 eröffnet in Hinterbrühl (Niederösterreich) das bis dahin größte SOS-Kinderdorf Europas. Die Eröffnung fällt mitten in die Zeit des Babybooms.

Auch heute werden im SOS-Kinderdorf in Hinterbrühl um die 100 Kinder und Jugendliche betreut. Bereits 1951 entsteht in Imst (Tirol) das erste SOS-Kinderdorf. Die Organisation gibt verlassenen und elternlosen Kindern ein Zuhause. Sie können in einer SOS-Familie mit SOS-Mutter und -Geschwistern aufwachsen. Heute wird in über 130 Ländern Kindern in Not auf diese Weise geholfen.

Apropos Kinder: Der Babyboom (1956-1969) erreicht in Österreich 1963 mit rund 135.000 Geburten seinen Höhepunkt. Die hohe Zahl an Neugeborenen in diesem Zeitraum ist vor allem auf den Wohlstand nach dem Wiederaufbau zurückzuführen.

2015 war für einige der ersten „Babyboomer“ das letzte Arbeitsjahr vor dem Pensionsantritt. Auch in den nächsten Jahren werden besonders viele Menschen in Pension gehen, während gleichzeitig die Geburtenrate im Vergleich zur Zeit des Babybooms niedrig ist. Diese demografische Entwicklung wirkt sich auf das Sozial- und Pensionssystem aus.

1963 | Herr Karl hält den Menschen einen Spiegel vor

In den 1960er-Jahren wird die öffentliche Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus auf juristischer Ebene geführt und durch Theaterkunst angeregt.

1961 findet in Jerusalem (Israel) der Eichmann-Prozess statt. Adolf Eichmann ist einer der Hauptverantwortlichen des Holocaust. Durch dieses Gerichtsverfahren erhält die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus und insbesondere mit dem Holocaust weltweit Aufmerksamkeit.

Später wird in Deutschland der erste Frankfurter Auschwitz-Prozess geführt (1963-1965). Die angeklagten SS-Angehörigen verschiedener Dienstgrade waren im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau stationiert. Einigen Angeklagten kann die „aktive Mitwirkung am staatlich organisierten Massenmord“ nachgewiesen werden, dem SS-Sanitäter Josef Klehr beispielsweise in mindestens 475 Fällen. Die lange Dauer der Verhandlung sowie die erschütternden Beschreibungen der Zeugen und Zeuginnen über die menschenunwürdige Situation im KZ und über die Grausamkeit der KZ-AufseherInnen führt dazu, dass der Auschwitz-Prozess international beobachtet wird.

Neben der juristischen gibt es auch eine künstlerische Auseinandersetzung. Ein Klassiker ist das Einpersonenstück „Der Herr Karl“. Die vom Schauspieler Helmut Qualtinger dargestellte Figur zeigt einen Opportunisten (jemand, der sich für eigene Vorteile der jeweiligen Lage anpasst) und Mitläufer, der auf skrupellose Art nur an seinem Wohl interessiert ist und sich auch an Verbrechen des Nationalsozialismus beteiligt hat. Die Verfilmung des Monologs (Selbstgespräch) wird am 15. November 1961 erstmals im Österreichischen Rundfunk (ORF) gesendet und löst eine Welle heftiger Kritik aus: Die Autoren Carl Merz und Qualtinger werden u.a. als „Nestbeschmutzer“ bezeichnet.

1964 | Sport, Freizeit und Kultur 1964

Eine sportliche Großveranstaltung, ein nachhaltiges Stadtentwicklungsprojekt und eine verspätete Uraufführung stehen hier für ganz unterschiedliche Freizeitaktivitäten.

Fast eine Million Menschen besuchen die vom 29. Jänner bis zum 9. Februar 1964 stattfindenden Olympischen Winterspiele in Innsbruck (Tirol). Die Tirolerin Christl Haas (s. Foto) gewinnt die Abfahrt. Bereits 1962 wurde sie Weltmeisterin in dieser Disziplin. Haas ist eine der besten Skifahrerinnen der 1960er-Jahre.
Die Erfolge österreichischer Sportler und Sportlerinnen tragen viel zum Selbstbewusstsein der Bevölkerung nach dem Krieg bei. Toni Sailer beispielsweise gewinnt bei den Olympischen Spielen in Cortina d'Ampezzo (Italien) 1956 Goldmedaillen in Abfahrt, Slalom sowie Riesentorlauf und wird für lange Zeit zum Idol.

Vom 16. April bis zum 11. Oktober erkunden über zwei Millionen Menschen aus dem In- und Ausland die Wiener Internationale Gartenschau (WIG 64). Im dafür errichteten Donaupark gibt es u.a. einen 2,2 km langen Doppelsessellift mit Sicht auf den ebenfalls anlässlich der WIG 64 erbauten Donauturm (s. Abbildung). Mit der Gartenschau will man die österreichische Hauptstadt als modern und zukunftsorientiert präsentieren.

Andere erfreuen sich über ein besonderes kulturelles Angebot: Das Stück „Die letzten Tage der Menschheit“ wird am 14. Juni im Wiener Burgtheater uraufgeführt – 50 Jahre nachdem der Schriftsteller Karl Kraus mit der Arbeit an diesem Werk begonnen hatte. In dem Stück, welches Kraus in Reaktion auf den Ersten Weltkrieg verfasste, wird die Unmenschlichkeit des Kriegs auch abseits des Schlachtfelds verdeutlicht.

1965 | Wirtschaftswunder am Küchentisch

Die Heimarbeit in Vorarlberg ist in den 1960er-Jahren ein wichtiger Beitrag zum Wirtschaftsaufschwung.

In Vorarlberg kommt es in der Nachkriegszeit zum wirtschaftlichen Aufschwung u.a. wegen der Zunahme des Fremdenverkehrs und der Beliebtheit des Standortes als ländliche Industrieregion. Die Folge ist ein Arbeitskräftemangel. Abhilfe schafft die Einbindung von Heimarbeiterinnen in die (industrielle) Produktion.

Speziell im Bregenzerwald ist Heimarbeit von etwa 1960 bis 1990 als Produktionsform für Wirtschaft und Industrie von großer Bedeutung. Produktionsfelder sind Näharbeiten, Stickereien, Spielwarenproduktion, Lötarbeiten oder die Herstellung von Haushaltsartikeln aus Plastik (s. Abbildung). Die Heimarbeit wird teils mit Unterstützung aus dem privaten Umfeld (Freundinnen, Familie, Nachbarinnen) bewerkstelligt (s. Foto).

Ab den 1960er-Jahren werden Beschäftigte aus dem Ausland angeworben. Mit Unterstützung dieser „Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen“ kann dem Arbeitskräftemangel ebenfalls entgegengewirkt werden.
Neben Wien hat Vorarlberg von allen Bundesländern den relativ höchsten Anteil an MigrantInnen.

1966 | „Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen“ aus verschiedenen Ländern

1966 wird ein Abkommen zur Anwerbungen von Arbeitskräften mit Jugoslawien geschlossen. Auch aus anderen Ländern kommen Menschen, um in Österreich zu arbeiten.

„Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen“ aus dem Ausland sind ab den 1960er-Jahren für Österreich wichtig, um den Arbeitskräftemangel infolge des wirtschaftlichen Aufschwungs auszugleichen. Das Abkommen zwischen Österreich und der damals noch bestehenden Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien tritt im April 1966 in Kraft. Ähnliche Anwerbeabkommen wurden bereits zuvor 1962 mit Spanien (hatte keine großen Auswirkungen) und 1964 mit der Türkei geschlossen. Das Raab-Olah-Abkommen 1961 der Sozialpartner – benannt nach Gewerkschafts-Präsident Franz Olah und Wirtschaftskammer-Präsident Julius Raab – war die Grundlage für diese zwischenstaatlichen Verträge.

Später, in den 1970er-Jahren, werden u.a. auch Krankenschwestern aus den Philippinen oder aus Südkorea von Österreich angeworben, da es an gut ausgebildeten Pflegekräften mangelt.

Viele der Menschen, die ab den 1960er-Jahren zum Arbeiten nach Österreich kommen, haben körperlich anstrengende Berufe und sind mit schlechten Arbeitsverhältnissen konfrontiert. Heutzutage erreichen immer mehr „Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter“ der ersten Generation, die sich entschieden, in Österreich zu bleiben, das Pensionsalter. Ein hohes Langzeit- und Altersarbeitslosigkeitsrisiko prägte ihr Arbeitsleben. Dadurch verfügen sie oft nur über geringe Pensionsansprüche und sind somit stärker als andere Gruppen durch Altersarmut gefährdet.

1967 | Diskussionen rund um Südtirol

Nach dem Ersten Weltkrieg fällt die Entscheidung, dass Österreich Südtirol an Italien abtreten muss. Es folgen viele – zum Teil auch gewalttätige – Auseinandersetzungen.

Nach dem Ersten Weltkrieg wird Tirol geteilt: Der Staatsvertrag von Saint-Germain-en-Laye legt fest, dass Südtirol von nun an zu Italien gehört. Seitdem gibt es immer wieder Diskussionen über die Autonomie und Staatszugehörigkeit Südtirols sowie über die Rechte der deutschsprachigen Bevölkerung.

Die Debatten gehen 1960 bis in die UN-Vollversammlung. Dort fordert man Italien und Österreich auf, die Verhandlungen über die Durchsetzung des Gruber-De-Gasperi-Abkommens von 1946 weiterzuführen. Die darauffolgenden Gespräche zwischen Österreich und Italien bleiben vorerst ergebnislos.

Von 1956 bis 1969 gibt es immer wieder Sprengstoffattentate mit Sachschäden und auch Toten. Die einen sehen die Aktionen als Südtiroler Freiheitskampf, für andere ist es Terrorismus. Bei einem Anschlag, der bis heute ungeklärt ist, sterben im Juni 1967 auf der Porzescharte am Grenzübergang von Osttirol nach Venetien vier Carabinieri (italienische Gendarmerie).
Das österreichische Bundesheer führt im selben Jahr einen Assistenzeinsatz an der Grenze zu Italien durch, um weitere Attentate im Konflikt um Südtirol zu unterbinden.

Ab Ende der 1970er-Jahre erhält Südtirol nach erneuten Verhandlungen mehr Autonomie. Die Zuständigkeiten der Südtiroler Landesregierung und die Rechte der deutschsprachigen Bevölkerung werden erweitert. 1992 erklären Österreich und Italien schließlich vor den Vereinten Nationen (UN), dass der Streit um Südtirol beigelegt ist.

1968 | Proteste von Prag über Paris bis Palo Alto und im Pazifischen Raum

Gesellschaftliche Unzufriedenheit und Missstände einerseits, Aufbruchsstimmung vor allem unter Jungen andererseits, finden 1968 in mehreren Ländern Ausdruck in unterschiedlichsten Protesten.

Der sogenannte Prager Frühling prägt 1968 das politische Geschehen in der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik (ČSSR): Die kommunistische Führung des Landes will mit Reformen eine Demokratisierung durchsetzen. Weite Teile der Bevölkerung unterstützen dieses Programm.
Die ČSSR ist Mitglied des Warschauer Pakts – einem Militärbündnis unter Führung der Sowjetunion (UdSSR). Um den Reformprozess zu stoppen, marschieren Truppen des Warschauer Pakts im August in die Tschechoslowakei ein. Viele Menschen protestieren dagegen, fast 100 sterben bei oder infolge der gewaltsamen Niederschlagung.

Auch in Frankreich gibt es 1968 weitreichende Proteste. Die Besetzung der Universität Paris-Sorbonne durch Studierende, Streiks mit mehreren Millionen Teilnehmenden, Fabrikbesetzungen bestimmen den „Mai 1968“. Erreicht werden u.a. Lohnerhöhungen, eine Arbeitszeitverkürzung und eine Neuwahl noch im selben Jahr.

Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg finden in vielen Ländern, vor allem aber in den Vereinigten Staaten (USA) statt. 1968 wird der Druck der Öffentlichkeit auf die US-Regierung immer größer.

Die Gründe für die Proteste der Achtundsechziger-Generation waren von Land zu Land verschieden. Widerstand gegen den Vietnamkrieg, Kritik an der mangelhaften Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit oder Unzufriedenheit mit der Gesellschaft im Allgemeinen zeigten sich auch schon vor 1968 und reichten teilweise bis in die 1970er-Jahre.

1969 | Zunehmende Breitenwirkung vom staatlichen Rundfunk und Fernsehen

1969 ist die Liveübertragung der Mondlandung ein internationales Medienereignis. Im Österreichischen Rundfunk (ORF) wird außerdem Anfang des Jahres das erste Farbfernsehprogramm ausgestrahlt.

Im Juli 1969 verfolgen weltweit viele Millionen Menschen die erste bemannte Mondlandung auf ihren Fernsehgeräten. Auch der ORF macht den Flug der US-amerikanischen Raumfahrtmission „Apollo 11“ zu einem Medienereignis und berichtet in einer über 28 Stunden dauernden Livesendung. Weitere Beispiele für Breitenwirkung, Bedeutung und Eventcharakter des Rundfunks sind die berühmte Wahlkampf-Fernsehduelle von Bruno Kreisky (SPÖ) mit den ÖVP-Politikern Josef Kaus (1970) und Josef Taus (1975) oder die Übertragungen des Eurovision Song Contest.

Ab 1957 wurden in Österreich TV-Sendungen regelmäßig ausgestrahlt. Am Beginn des Jahres 1969 gibt es dann erstmals eine Fernsehsendung in Farbe. Die erste Sendung ist das traditionelle Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, das heute weltweit in über 90 Ländern ausgestrahlt wird.
In den Jahren zuvor wurden neben der technischen Weiterentwicklung des Rundfunks auch strukturelle Veränderungen durchgeführt: Im ersten Volksbegehren der Zweiten Republik im Oktober 1964 fordern mehr als 800.000 Österreicherinnen und Österreicher eine Reform, die den Einfluss politischer Parteien auf den öffentlichen Rundfunk verringern soll. Schließlich tritt 1967 ein neues Rundfunkgesetz in Kraft.
Infolge gibt es auch weitreichende Neuerung für den Hörfunk: Es werden drei vollwertige Sender geschaffen (Ö1, Ö-Regional und Ö3) und es entstehen neue, unabhängigere Nachrichtensendungen wie die bis heute laufenden Ö1-Journale.

1970 | Die „Kreisky-Ära“ beginnt

Von 1970 bis 1983 ist Bruno Kreisky Bundeskanzler von Österreich. Während seiner Amtszeit werden viele Reformen durchgeführt.

Bei der Nationalratswahl 1970 wird die damals noch Sozialistische Partei Österreichs genannte SPÖ unter Bruno Kreisky stimmenstärkste Partei (verfehlt aber die absolute Mandatsmehrheit). Sie bildet eine Minderheitsregierung mit Duldung durch die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ).
Erstmals stellt damit nicht die Österreichische Volkspartei (ÖVP), sondern die SPÖ den Bundeskanzler. (Eine Ausnahme sind die Regierungen am Beginn der Ersten Republik und nach dem Zweiten Weltkrieg mit Karl Renner als „Staatskanzler“.)

Im darauffolgenden Jahr erhält die SPÖ bei einer vorgezogenen Nationalratswahl zum ersten Mal in der Zweiten Republik dann auch die absolute Mandatsmehrheit. Dadurch wird die Durchsetzung von Reformen begünstigt. Die „Kreisky-Ära“ bringt einen Modernisierungsschub für Österreich und führt zu diversen Reformen – u.a. in der Bildung sowie im Straf- und Familienrecht.

Als Beitrag zur Sicherung der wirtschaftlichen Zukunft wird von Bruno Kreisky der Kraftwerksbau in Zwentendorf angesehen. Die Entscheidung über ein österreichisches Nuklearprogramm fiel jedoch bereits 1969 durch die ÖVP-Alleinregierung unter Bundeskanzler Josef Klaus. In einer Volksabstimmung 1978 stimmt die Mehrheit der teilnehmenden WählerInnen aber gegen die Inbetriebnahme des Atomkraftwerks. Dieses Ergebnis gilt manchen als „eine erste empfindliche Niederlage“ Kreiskys als Bundeskanzler. Dennoch gewinnt die SPÖ unter Kreiskys Führung 1979 wiederum die Nationalratswahl.

1971 | Volksanwaltschaft – Menschenrechtshaus der Republik

13.000 Druckexemplare eines Entwurfs für eine Novelle der Bundesverfassung werden 1971 verteilt. Es geht um die Schaffung einer Bundesverwaltungsanwaltschaft.

Über die Gründung einer unabhängigen Bürgervertretung wird bereits kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs nachgedacht. Unter Bundeskanzler Bruno Kreisky kündigt die Regierung 1970 die Einrichtung eines solchen Kontrollinstruments an. Die Öffentlichkeit ist an einer (damals sogenannten) Bundesverwaltungsanwaltschaft sehr interessiert. 1971 werden sogar 13.000 kostenlose Druckexemplare des Entwurfs für eine  Novelle der Bundesverfassung an die Bevölkerung verteilt. Der Informationskampagne folgen Diskussionen und eine Regierungsvorlage, in der bereits von der „Volksanwaltschaft“ die Rede ist.
Rund sechs Jahre später ist es soweit: Anfang 1977 wird das Gesetz über die Gründung der Volksanwaltschaft beschlossen.

Neben Kontrolle der öffentlichen Verwaltung (Bund, Länder, Gemeinden), sind die Förderung sowie der Schutz von Bürger- und Menschenrechten Aufgaben der Volksanwaltschaft. Die vorbeugende (präventive) Kontrolle wird in Einrichtungen durchgeführt, in denen die persönliche Freiheit eingeschränkt ist oder werden kann. Durch die unangekündigten Besuche in Gefängnissen oder Pflegeheimen soll das Risiko von Menschenrechtsverletzungen erkannt werden.
Fast 18.500 Menschen legten 2016 bei der Volksanwaltschaft Beschwerde ein. Im Rahmen der Menschenrechtskontrolle wurden 479 Einrichtungen überprüft und 43 Polizeieinsätze beobachtet.

1972 | Schulbücher, Schulfreifahrt und andere Bildungsreformen

Die „Kreisky-Ära“ ist eine Zeit bedeutender Reformen – einige davon betreffen den Schulbereich und wirken bis heute.

Unter Bundeskanzler Bruno Kreisky setzt die SPÖ-Alleinregierung (1970-1983) einen Modernisierungsschub durch. Die absolute Mehrheit der Sozialistischen Partei Österreichs ab 1971 erleichtert die Umsetzung von Reformen.

Die Verkürzung der Wehrdienstzeit und die Schaffung des Zivildienstes, die Einführung des Mutter-Kind-Passes sowie die Straffreiheit des Schwangerschaftsabbruchs (Fristenlösung), die Gründung der Volksanwaltschaft, die Schaffung eines Umwelt- und Gesundheitsministeriums, die Änderung des österreichischen Strafrechts sowie des Familienrechts sind Beispiele für Reformen aus dieser Zeit. 1975 setzt die „Regierung Kreisky“ außerdem eine Reduzierung der Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden um.

Auch für Schulen und Universitäten gibt es Neuerungen: 1971 wird die kostenfreie Fahrt zur Schule („Schülerfreifahrt“) eingeführt und die „Abschaffung der Aufnahmeprüfung in die Allgemeine Höhere Schule“ (AHS) beschlossen. 1972 realisiert man das Gratisschulbuchsystem. Weiters beschließt der Nationalrat im selben Jahr das Ende der Studiengebühren für Studierende aus Österreich und aus Entwicklungsländern. Diese Reformen sind wichtige Meilensteine, die eine Öffnung der Bildungswege für sozial schwächere Gesellschaftsschichten ermöglichen.
Außerdem wird durch das Universitätsorganisationsgesetz 1975 eine Demokratisierung der Universitäten vorgenommen, die es u.a. Studierenden erlaubt, „in Entscheidungsprozesse eingebunden“ zu sein.

1973 | Ölpreisschock

Der Jom-Kippur-Krieg führt 1973 zu einem extremen Anstieg der Benzinpreise. Folgen in Österreich sind ein autofreier Tag und zusätzliche Schulferien.

Der Krieg beginnt an „Jom Kippur“ („Versöhnungstag“). 1973 fällt der höchste jüdische Feiertag auf den 6. Oktober. Vom Ramadan-Krieg wird hingegen auf arabischer Seite gesprochen, denn es war zeitgleich muslimischer Fastenmonat.
Dieser arabisch-israelische Krieg dauert bis zum 24. Oktober und der Angriff auf Israel wurde durch die  „Ölwaffe“ unterstützt. Damit wurde der Nahostkonflikt weit über die Region hinaus spürbar.
Die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) schränkt während des Krieges die Öllieferung in den Westen ein und erhöht die Preise: Einige der OPEC-Mitglieder sind arabische Länder, sie unterstützen Syrien und Ägypten im Krieg gegen Israel. Ölknappheit und extremer Preisanstieg sollen Druck ausüben, um eine Unterstützung Israels durch den Westen zu verhindern.

Wegen des Ölpreisschocks werden 1974 „Energieferien“ eingeführt. Heute sind sie als Semesterferien bekannt. Die längere Semesterpause soll Heizkosten reduzieren.
Weitere Maßnahmen sind eine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung auf 100 km/h und die Einführung eines autofreien Tages. An einem Tag pro Woche muss das Auto stehen bleiben. Der von den AutofahrerInnen gewählte autofreie Tag muss mit einem Aufkleber angezeigt werden (s. Foto).

Apropos Auto: Bundeskanzler Bruno Kreisky (SPÖ) plant vier Jahre nach dem Ölpreisschock eine eigene Autoproduktion in Österreich. Das Projekt „Austro-Porsche“ kann aber – u.a. wegen zu hoher Produktionskosten – nicht verwirklicht werden.

1974 | Familien- und Frauenpolitik

Die Einführung des Mutter-Kind-Passes und der Fristenlösung sowie die Durchführung der Familienrechtsreform sind Beispiele für die Reformpolitik der 1970er-Jahre.

Während der „Kreisky-Ära“ (1970-1983) werden mehrere Neuerungen in der Familien- und Frauenpolitik umgesetzt: Beispielsweise wird 1974 der bis heute laufend weiterentwickelte Mutter-Kind-Pass eingeführt. Mit diesem Pass und den damit verbundenen Kontrollen will man die Säuglings- und Müttersterblichkeit reduzieren. Er dient der „Früherkennung von Gesundheitsrisiken, Erkrankungen und Entwicklungsstörungen“.

Den mit ungewollten Schwangerschaften verbundenen Problemen werden mit der Fristenlösung Abhilfe geschaffen. Die Fristenregelung erlaubt den Schwangerschaftsabbruch „innerhalb der ersten drei Monate nach Beginn der Schwangerschaft“. Mehrere Gruppierungen forderten das Recht, straffrei abtreiben zu können. Nach heftigen Diskussionen beschließt der Nationalrat 1974 das Gesetz.

In den 1970er-Jahren werden auch schrittweise Teile der Familienrechtsreform beschlossen: Die Neuordnung der Rechtsstellung unehelicher Kinder, die Unterhaltspflichten sowie Reformen im Scheidungsrecht, um nur einige zu nennen. Ein bedeutender Schritt für die Gleichberechtigung der Geschlechter ist vor allem das Bundesgesetz über die persönlichen Rechtswirkungen der Ehe. Von nun an werden Ehemann als auch Ehefrau auf rechtlicher Ebene die gleichen Rechte und Pflichten eingeräumt.

1975 | Mehr als 1.000 Parteien

Wann Parteien registriert wurden © Forum Informationsfreiheit, Parteispenden.at Statistik zu Neuregistrierungen von Parteien in Österreich (1975-2017)

Parteien sind ein Grundpfeiler demokratischer Systeme, ein Gesetz dazu schafft verbindliche Regelungen und Vertrauen.

Das 1975 beschlossene Gesetz über die „Aufgaben, Finanzierung und Wahlwerbung politischer Parteien“ erklärt Existenz und Vielfalt von Parteien zu einem wesentlichen Bestandteil der Demokratie in Österreich. In den ersten Jahren nach Inkrafttreten des Parteiengesetzes werden – neben den bereits im Parlament vertretenen Parteien – nur wenige neue gemeldet. Über die Jahre ist die Anzahl der Parteien jedoch stark angewachsen. 1990, im Jahr der 18. Nationalratswahl in Österreich, gibt es mit 63 Meldungen die bisher größte Zahl von Neuregistrierungen.

Heute gibt es unter den mehr als 1.000 im Parteienverzeichnis aufgelisteten Parteien auch viele, die nicht aktiv sind (sogenannte „Karteileichen“). Andere fallen durch kuriose Namen auf, wie die „Heinzelmännchen Partei“, die „IndianerInnenpartei mit Hausverstand Österreichs“ oder die „Österreichische Unruhestifterpartei“. Weiters sind im Verzeichnis Parteien zu finden, die sich lediglich für ein Einzelanliegen einsetzen (z.B. die „Partei der Hundefreunde Österreichs“ oder die „Die österreichische Autofahrerpartei“).

Gründe für die Inaktivität und Unbekanntheit der Großteil von den mehr als 1.000 Parteien ist, dass einige nie zu einer Wahl angetreten sind oder im Parlament vertreten waren. Damit eine Partei beispielsweise bei einer Nationalratswahl antreten kann, müssen ihre Angehörigen 2.600 Unterstützungserklärungen einsammeln oder die Partei von wenigstens drei Abgeordneten des Nationalrats für die Wahl vorgeschlagen werden. Des Weiteren muss eine Partei in Österreich die Vierprozenthürde erreichen, um im Parlament vertreten zu sein.

1976 | Reichsbrücke in Wien: eine Vision aus 1928 und die Realität 1976

Brücken sind Symbole des technischen Fortschritts. Sie verbinden nicht nur Orte, sondern auch Menschen. Die Reichsbrücke in Wien ist ein bekanntes Beispiel und sorgte schon öfter für Schlagzeilen.

Die Abbildung zeigt eine Karikatur von Ludwig Kmoch. Die Zeichnung wird am 24. August 1928 in der österreichischen Wochenzeitung „Der Götz von Berlichingen“ veröffentlicht. Die Darstellung zeigt, wie sich nach der Vorstellung des Künstlers die Reichsbrücke und ihre Umgebung im Jahr 1978 verändert haben werden.

Viele Menschen nutzen die Reichsbrücke, um in die Bäder an der Alten Donau zu gelangen. Dadurch kommt es in den 1920er-Jahren während der Sommerzeit zu Situationen, die als „Verkehrsskandal“ bezeichnet werden und zu Sicherheitsbedenken aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens auf der Brücke führen. 1928 beraten die Gemeinde Wien und der Bund über einen Neubau und dessen Finanzierung. 1934 wurde mit dem Neubau begonnen und 1937 ist die damals drittgrößte Kettenbrücke Europas fertiggestellt.
Der Karikaturist geht 1928 aber scheinbar nicht von einem Entschluss für einen Neubau aus. Auf der Zeichnung ist die Brücke 50 Jahre später teils von Gras bewachsen. Ein Schild weist darauf hin, dass Ziegen das Weiden auf der Brücke verboten ist. Ein Zeppelin (Luftschiff) soll die Überquerung der Donau in der Luft ermöglichen. Weiters sind einige schwimmende Menschen sowie Rettungskräfte zu erkennen.

Tatsächlich ist die zweite Reichsbrücke am 1. August 1976 eingestürzt. Da es Sonntagmorgen ist, sind fast keine Fahrzeuge und Menschen auf der Brücke. Dennoch gibt es ein Todesopfer.
Der Bau der dritten Reichsbrücke wird 50 Jahre nach der Zeichnung von Ludwig Kmoch begonnen. Sie wird 1980 eröffnet und ist eine der wichtigsten Brücken Wiens.

1977 | Voyager Golden Record – Grüße an Aliens

1977 starten zwei Voyager-Raumsonden, um im Sonnensystem zu forschen. Die mitgeschickten Musikgrüße sind eher traditionell – andere Entwicklungen gibt es auf der Erde: zeitgleich wird eine der ersten Wiener Punk-Bands gegründet.

Mit an Bord der beiden Flugkörper sind vergoldete Kupferschallplatten mit Botschaften von der Erde – Fotos, Grußbotschaften in verschiedenen Sprachen, Geräusche und Musik. Voyager 2 befindet sich mittlerweile am Rand des Sonnensystems, rund 17 Milliarden Kilometer von der Erde entfernt. Diese Strecke ist ungefähr das 110-fache der Distanz zwischen Erde und Sonne. Voyager 1 hat das Sonnensystem bereits verlassen und seit ihrem Start knapp 21 Milliarden Kilometer zurückgelegt.

Auf den Schallplatten befindet sich neben einem Ausschnitt aus Wolfgang Amadeus Mozarts „Die Zauberflöte“ und Jazzmusik von Louis Armstrong auch eine Audiobotschaft von Kurt Waldheim in seiner Rolle als UN-Generalsekretär (1972-1981).

Apropos Musik: Während auf den Voyager-Schallplatten vor allem traditionsreiche oder kommerziell erfolgreiche Musik vertreten ist, kommt es 1977 zur Gründung einer der ersten Wiener Punk-Bands namens Chuzpe (jiddisch für „Frechheit“/„Unverfrorenheit“).
Punk ist für viele Fans dieser Musikrichtung eine Sprache des Protests gegen bestehende gesellschaftliche Verhältnisse.

1978 | Zwentendorf und die erste Volksabstimmung

1977 formiert sich eine Protestbewegung gegen das Atomkraftwerk Zwentendorf. 1978 wird in der ersten Volksabstimmung der Zweiten Republik gegen die Nutzung der Atomenergie entschieden.

Am 5. November 1978 findet die erste Volksabstimmung der Zweiten Republik statt. Es wird über die friedliche Nutzung der Atomenergie in Österreich und die Inbetriebnahme des Atomkraftwerks Zwentendorf abgestimmt. Eine knappe Mehrheit von 50,5 % der Teilnehmenden stimmt dagegen.
Bereits im Jahr zuvor bildeten sich Anti-Atomkraft-Initiativen aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppierungen. Diese Protestbewegung ist der Anfang der österreichischen „Grün-Bewegung“.

Als Konsequenz der Abstimmung wird noch 1978 das Atomsperrgesetz vom Nationalrat verabschiedet. 1999 dann beschließt das Parlament ein Bundesverfassungsgesetz für ein atomfreies Österreich. Damit erhält das Verbot der Energiegewinnung durch Kernspaltung sogar Verfassungsrang.

Die nukleare Katastrophe im Kernkraftwerk Tschernobyl (Ukraine) macht einige Jahre später die Gefahren der Atomkraft deutlich. Die durch den Unfall Ende April 1986 entstandene radioaktive Wolke erreicht das österreichische Staatsgebiet nach etwas mehr als drei Tagen.
In Teilen der Ukraine und manchen Gebieten im angrenzenden Weißrussland sind selbst heute noch Menschen von den Folgen betroffen. Jährlich können einige Kinder aus dieser Region im Sommer an Erholungsaufenthalten in Österreich teilnehmen.

1979 | Globale Zusammenarbeit: UNO und Weltklimakonferenz

In internationaler Zusammenarbeit versuchen Staaten Lösungen für weltweite Probleme zu vereinbaren. Klimaschutz ist ein wichtiges und schwieriges Anliegen.

Am 24. Oktober 1945 tritt die Charta (Verfassungsurkunde) der Vereinten Nationen (UN) in Kraft. „Wir, die Völker der Vereinten Nationen – fest entschlossen, künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren ...“ lauten die ersten Worte dieses Gründungsvertrags der Vereinten Nationen. Österreich wird im Dezember 1955 wenige Monate nach der Unterzeichnung des Staatsvertrags in die Organisation aufgenommen.
Wien ist heute einer der vier Hauptsitze der Vereinten Nationen: Das Vienna International Centre („UNO-City“) wird 1979 eröffnet. Hier sind beispielsweise der Hochkommissar der Vereinten Nationen für Flüchtlinge (UNHCR), die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) und das Büro der Vereinten Nationen für Weltraumfragen untergebracht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg sind für die internationalen Organisationen Friedenserhaltung, Menschenrechte und Wirtschaftsfragen die wichtigsten Arbeitsfelder. Später wird die Bedrohung durch den Klimawandel deutlich und damit auch der Umweltschutz ein zentrales – wenngleich kontroversiell diskutiertes – Anliegen für die globale Zusammenarbeit: Im Februar 1979 findet in Genf (Schweiz) die erste Weltklimakonferenz statt. In den darauffolgenden Jahren warnen immer mehr Fachleute vor dem Einfluss der Menschen auf das Klima.
Seit 1995 werden jährlich Klimakonferenzen unter der Leitung der Vereinten Nationen veranstaltet – mit unterschiedlichen Erfolgen.

1980 | Zeitgeschichte- und Sexkoffer

1980 bis 1988 werden die Medienkoffer „Österreichische Zeitgeschichte“ als Unterrichtsbehelfe in den Schulen verteilt. 1989 sorgt der „Sexkoffer“ für heftige Diskussionen.

Medienkoffer unterstützen mit unterschiedlichen Materialen (Folien, Plakate, Dokumente, Filme, Zeitungen, Fachliteratur usw.) den Unterricht in den Schulen.
Mit dem Zeitgeschichtekoffer werden Lehrpersonen über den aktuellen Forschungsstand und neue Möglichkeiten für den Geschichteunterricht informiert. Die insgesamt vier Medienkoffer decken die österreichische Zeitgeschichte von 1918 bis 1987 ab. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stellen den Inhalt zusammen.
Das Unterrichtsministerium bringt den ersten Medienkoffer 1980 heraus. Er behandelt die NS-Zeit, den Staatsvertrag von Wien und das Thema „Widerstand und Verfolgung“.
Im zweiten Koffer befindet sich die neunteilige Fernsehserie „Zeitgeschichte im Aufriß“ in Videokassettenform. Auch Tonbandkassetten werden als Unterrichtsbehelf angeboten. Der vierte und letzte Medienkoffer erscheint 1988.

Später wird der sogenannte „Sexkoffer“ an den Schulen verteilt. Die verkürzte Bezeichnung „Sexkoffer“ ist missverständlich. Denn er ist tatsächlich ein Medienkoffer für Sexualerziehung. 1989 sorgt der neue Unterrichtsbehelf für teils heftige Kritik von manchen Medien, KirchenvertreterInnen und Elternverbänden.

1981 | Dekade des Terrorismus

Zwischen 1973 und 1985 gibt es in Österreich mehrere Geiselnahmen und Terroranschläge – zum Beispiel 1981 das Attentat auf die Synagoge in der Seitenstettengasse in Wien.

Der SPÖ-Politiker und Präsident der Österreichisch-Israelischen Gesellschaft, Heinz Nittel, wird im Mai 1981 vor seinem Wohnhaus in Wien-Hietzing erschossen. Später, im August, versuchen zwei Männer mit Granaten und Maschinenpistolen bewaffnet in die Synagoge in der Seitenstettengasse in Wien einzudringen. Palästinische Terroristen sind für diese terroristischen Akte verantwortlich.

Die beiden Anschläge liegen mitten in einer Dekade des Terrorismus in Österreich: Bereits 1973 überfallen zwei palästinensische Terroristen einen Zug in Marchegg (Bezirk Gänserndorf in Niederösterreich) und nehmen jüdische AuswanderInnen aus der Sowjetunion (UdSSR), die sich auf der Durchreise nach Israel befinden, als Geiseln.
Außerdem wird 1975 der OPEC-Sitz (Organisation erdölexportierender Länder) in Wien Schauplatz eines Anschlags. Mit 33 Geiseln in ihrer Gewalt werden die TerroristInnen nach Algier (Algerien) ausgeflogen.
1977 wird der Großindustrielle Walter Michael Palmers von Mitgliedern der RAF (Rote Armee Fraktion) entführt und nach rund 100 Stunden gegen ein Lösegeld von 31 Millionen freigelassen.
Der vorläufige Schlusspunkt der Terrorserie ist der  Anschlag von drei schwer bewaffneten Terroristen am Flughafen Wien-Schwechat im Dezember 1985. Mehrere Tote und Verletzte sind die Folge.

1982 | Friedensbewegung

Anfang der 1980er-Jahre erreicht die Friedensbewegung Österreich. Die bis dahin größte Demonstration der Nachkriegszeit findet 1982 statt.

Um 1970 gibt es weltweit Proteste gegen den Vietnamkrieg (1955-1975). Später richten sich die Kundgebungen vor allem gegen den Kalten Krieg und die atomare Aufrüstung der Vereinigten Staaten (USA) sowie der Sowjetunion (UdSSR).

1981 bis 1983 finden in Wien und in den Landeshauptstädten mehrere Friedensdemonstrationen statt: am 15. Mai 1982 in Wien unter dem Motto „Den Atomkrieg verhindern! Abrüsten!“. Mit rund 70.000 TeilnehmerInnen ist sie die bis dahin größte Kundgebung der Zweiten Republik. Am 22. Oktober 1983 gibt es einen weiteren großen Friedensmarsch und eine 5 km lange Menschenkette zwischen den Botschaften der USA und der Sowjetunion in Wien.

Die Friedensbewegung besteht aus verschiedensten Organisationen und Gruppierungen; eine davon ist die Initiative „Frauen für den Frieden“, die 1982 einen Friedensmarsch von Berlin nach Wien organisiert.  Die Abschlusskundgebung in Wien findet zum Jahrestag der Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki 1945 statt. Auch partei- und kirchennahe Organisationen und Jugendverbände sind an den Protesten beteiligt.

Die Friedensbewegung wird zu den sogenannten „Neuen sozialen Bewegungen“ gezählt.

1983 | Ministeriumsgründungen

Die Gründung des Umweltministeriums 1972 und die Errichtung des Familien- und Jugendministeriums 1983 sind Beispiele für die wechselvolle Geschichte der Ministerien in Österreich.

Die diversen Ministerien und ihre vielfältigen Geschichten können als Spiegel des gesellschaftlichen Wandels und politischen Willens betrachtet werden.

Ab den 1960er-Jahren wird der Umweltschutz weltweit immer wichtiger. 1972 reagiert die österreichische Regierung unter Bundeskanzler Bruno Kreisky auf diese Entwicklung und gründet das Bundesministerium für Gesundheit und Umweltschutz. Zuvor war das Umweltressort noch dem Bundeskanzleramt unterstellt.
Die Errichtung eines eigenen Ministeriums, das sich (neben der Gesundheit) mit der Umwelt beschäftigt, ist damals eine zukunftsweisende Entscheidung: Die Volksabstimmung über das Atomkraftwerk Zwentendorf 1978 und die Forderung des Konrad-Lorenz-Volksbegehrens 1985 nach einem Verbot von Großkraftwerken zeigen, dass der Umweltschutz in den darauffolgenden Jahren noch an gesellschaftlicher Bedeutung zugenommen hat.

Ein weiteres Beispiel ist das Familien- und Jugendministerium: 1983 beschließt eine neue Regierungskoalition aus SPÖ und FPÖ die Gründung dieses Ministeriums. Familien- und Jugendpolitik wird somit „als eigenständiger ministerieller Kompetenzbereich“ anerkannt. 2009 bis 2014 sind die Familien- und Jugendagenden mit dem Wirtschaftsressort in einem Ministerium zusammengelegt (BMWFJ).

1984 | Milchseen und Butterberge

In den frühen 1980er-Jahren erhöht sich die Produktivität der Landwirtschaft erheblich. 1984 wird die Milchquotenregelung eingeführt – und 2015 wieder abgeschafft.

Die Milchwirtschaft produziert Anfang der 1980er-Jahre immer mehr Milch und Butter. Die Folge ist eine Überproduktion. Die Überschussmengen werden von der damaligen Europäischen Gemeinschaft (EG) im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) aufgekauft und gelagert. Diese enormen Lagerbestände werden oft als „Milchseen“ und „Butterberge“ bezeichnet.
1984 führt die EG schließlich eine Milchquotenregelung ein, um das Überangebot an Milch und Milchprodukten einzudämmen und den Marktpreis zu stabilisieren. Durch die Begrenzung des Angebots sollen nicht nur die Preise, sondern auch die Einkommen der Bäuerinnen und Bauern gesichert werden.

Am 1. April 2015 wird die Milchquotenregelung wieder abgeschafft. In Wien finden deswegen Protestaktionen der Milchbauern und Milchbäuerinnen statt. Vor dem Haus der Europäischen Union wird im März 2015 sogar ein „Milchsee“ aufgebaut (s. Foto).

In der Europäischen Union (EU) ist die Gemeinsame Agrarpolitik ein bedeutender Politikbereich: Die Ausgaben nehmen zwar ab, er ist aber mit einem hohen Anteil des EU-Haushalts (Budgets) ein finanziell gewichtiges Politikfeld.

1985 | Konrad-Lorenz-Volksbegehren und Austria für Afrika

Mitte der 1980er-Jahre wird von der Zivilgesellschaft mehr Naturschutz gefordert und Afrika-Hilfe durch prominente MusikerInnen geleistet.

Vor Weihnachten 1984 besetzen UmweltaktivistInnen elf Tage lang die Stopfenreuther Au bei Hainburg (Niederösterreich), um den Bau eines Donaukraftwerks zu verhindern. Im März 1985 unterzeichnen fast 354.000 Personen das Konrad-Lorenz-Volksbegehren und fordern statt eines Kraftwerks die Errichtung eines Nationalparks – und ein Verbot von Großkraftwerken. 1996 wird die Wichtigkeit des Naturschutzes für dieses Gebiet anerkannt und die Au wird zum Nationalpark „March-Donau-Auen“.

Am 13. Juli 1985 findet in London (England) und in Philadelphia (USA) zeitgleich das Konzert „Live Aid“ statt. Internationale Stars und berühmte Bands wie Madonna, Paul McCartney, U2 oder Queen treten auf und sammeln Spenden zur Bekämpfung der Hungersnot in Äthiopien.
Auch Prominente aus Österreich wie Wolfgang Ambros, Reinhard Fendrich oder Beatrix Neundlinger greifen die Idee auf. Zur Afrika-Hilfe produzieren sie zusammen mit vielen anderen VertreterInnen des Austro-Pops den Song „Warum?“. Die Einnahmen werden dem Verein „Menschen für Menschen“ (Entwicklungsprojekte in Äthiopien) gespendet. Vorlage für den Refrain von „Warum?“ ist ein äthiopisches Volkslied.
Der Austro-Pop entwickelte sich seit den 1970er-Jahren als Musikrichtung mit zum Teil gesellschaftskritischen Texten.

1986 | Österreichische Innenpolitik: Ein turbulentes Jahr

1986 ist ein turbulentes Jahr in der österreichischen Innenpolitik.

Die sogenannte „Waldheim-Affäre“ (auch Waldheim-Debatte) kommt 1986 ins Rollen. Dem ehemaligen UN-Generalsekretär Kurt Waldheim und Kandidaten für das Bundespräsidentenamt wird vorgeworfen, an Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg teilgenommen oder jedenfalls davon gewusst zu haben. Waldheim gewinnt trotz heftiger Diskussionen und Proteste die Wahl.
Die Auseinandersetzung führte zu einem neuen und verstärkten Umgang mit der NS-Vergangenheit Österreichs.
1987 wird Waldheim auf die Watchlist der Vereinigten Staaten (USA) gesetzt. Das ist eine Beobachtungsliste mit unerwünschten Personen und bedeutete ein Einreiseverbot in die USA auf Lebenszeit.

Am Parteitag der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) wird Norbert Steger abgewählt und Jörg Haider (1950-2008) neuer Parteiobmann.  Daraufhin beendet die Sozialistische Partei Österreichs (SPÖ) unter Bundeskanzler Franz Vranitzky die Koalitionsregierung mit der FPÖ. Bei der Nationalratswahl am 23. November 1986 kann die FPÖ ihren Stimmenanteil von 9,7% im Vergleich zur vorherigen Wahl fast verdoppeln.
Unter Vorsitz von Freda Meissner-Blau (1927-2015) ziehen die Grünen 1986 erstmals in den Nationalrat ein. Die Liste heißt „Die Grüne Alternative – Liste Meissner-Blau“. Die Besetzung der Stopfenreuther Au bei Hainburg (NÖ) im Dezember 1984 und die daraus entstandene Protestbewegung waren Auslöser für die Gründung dieser Partei.

Des Weiteren sorgt 1986 der Reaktorunfall in Tschernobyl (heutige Ukraine) für große Verunsicherung und macht die Gefahren der Atomkraft deutlich.

1987 | Schulfächer im Wandel: Werkunterricht

Unterrichtsgegenstände werden zum Teil an gesellschaftliche Entwicklungen angepasst. Der Werkunterricht ist ein Beispiel dafür.

1987/88 wird der Werkunterricht in den Hauptschulen erneuert: Die Schüler und Schülerinnen können unabhängig vom Geschlecht ab der 7. und 8. Schulstufe zwischen Textilem und Technischem Werken wählen. In den darauffolgenden Jahren wird diese Neuerung auch in den 3. und 4. Klassen der Realgymnasien und der Wirtschaftskundlichen Realgymnasien eingeführt.
Außerdem ist das Fach „Hauswirtschaft“ ab 1987 nicht mehr nur für die Hauptschülerinnen, sondern auch für die Hauptschüler ein Pflichtgegenstand mit Schwerpunkten wie Umwelterziehung, Gesundheitserziehung und Wirtschaftserziehung. 1997 wird „Hauswirtschaft“ in „Ernährung und Haushalt, Hauswirtschaft und Kinderpflege“ umbenannt.

Beim Werkunterricht entscheiden sich Mädchen überwiegend für das Textile und Buben für das Technische Werken. In den Neuen Mittelschulen (NMS) werden deswegen ab 2012 die beiden Fächer zusammengelegt und als gemeinsamer Werkunterricht für Mädchen und Buben eingeführt.
Mit dem Schulrechtsänderungsgesetz 2016 wird auch für die AHS „Technisches und textiles Werken“ als gemeinsames Pflichtfach für alle beschlossen.

Durch solche Veränderungen werden alte Rollenbilder in der Schule zum Teil aufgebrochen. Dennoch sind weitere Initiativen notwendig, um diese Rollenbilder (beispielsweise bei „klassischen“ Frauen- /Männerberufen) und Karrieremuster zu verändern.

1988 | Ge- und Bedenkjahr

Ein Theaterstück und ein Mahnmal sind 1988 künstlerischer Ausdruck des Erinnerns an die NS-Zeit. „Heldenplatz“ und Albertinaplatz geben Anlass für viele Debatten.

Am 4. November 1988 wird Thomas Bernhards „Heldenplatz“ im Wiener Burgtheater uraufgeführt. Das Drama thematisiert 50 Jahre nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich die Rückkehr einer 1938 emigrierten jüdischen Familie. Professor Schuster, die zentrale Figur, nimmt die österreichische Bevölkerung als nach wir vor antisemitisch und undemokratisch wahr. Er stürzt sich im März des Bedenkjahres 1988 aus der Familienwohnung am Heldenplatz in den Tod.

Während der Uraufführung gibt es Zwischenrufe aus dem Publikum. Nach der letzten Szene wird es laut im Theatersaal: Der Premierenapplaus wird durch Buh-Rufe und Pfiffe gestört.
Bereits vor dieser ersten Aufführung gibt es heftige Auseinandersetzungen rund um das Theaterstück. So macht u.a. die Kronen Zeitung Stimmung gegen die geplante Aufführung: Als Überschrift für einen Artikel wird die Textzeile „Österreich, 6,5 Millionen Debile“ aus dem Stück verwendet (umgangssprachlich steht „debil“ für „idiotisch“). Diese und weitere Schlagzeilen sorgen für Diskussionen in Politik und Gesellschaft. Vor dem Burgtheater wird ein Misthaufen als Zeichen des Unmuts abgeladen.

Nicht nur dieses Theaterstück, sondern auch ein Monument regt das Gedenken an die Verbrechen des Nationalsozialismus an und führt zu öffentlichen Debatten. Am 24. November wird das Mahnmal gegen Krieg und Faschismus des Bildhauers Alfred Hrdlička am Wiener Albertinaplatz im 1. Wiener Gemeindebezirk aufgestellt. Vor allem die Bronze-Skulptur „Der straßenwaschende Jude“ fällt auf. Sie zeigt einen unter Stacheldraht knienden alten Mann (s. Foto).

1989 | Picknick mit weitreichenden Folgen

Der Zusammenbruch des „Ostblocks“ ist das Ergebnis verschiedener politischer Entwicklungen und bedeutet für Österreich eine „Rückkehr in die Mitte Europas“.

Der Fall der Berliner Mauer im November ist eines von vielen Ereignissen im „Wendejahr“ 1989. Schon am 2. Mai entfernt Ungarn den Eisernen Vorhang – einer der Schritte zur Öffnung des „Ostblocks“. „Montagsgebete“, Botschaftsbesetzungen und andere Protestformen sowie Reiseerleichterungen und Reformen gehören zum vielschichtigen Bild der großen Veränderungen. 

Am 19. August 1989 steht Österreich für kurze Zeit im Zentrum des Geschehens: An der ungarisch-österreichischen Grenze nahe der Stadt Sopron (Ungarn) und dem burgenländischen St. Margarethen findet das Paneuropäische Picknick statt. Dieses führt zur ersten Massenflucht von Staatsangehörigen der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Die nicht geplanten Grenzübertritte haben für viele Menschen vorerst noch ungewisse Folgen. Heute gibt es an dieser Stelle Denkmäler und Gedenkfeiern.

Auch anderswo auf der Welt gibt es 1989 Auflehnung gegen staatliche Willkür und Unterdrückung – wie das Massaker auf dem Tian’anmen-Platz (Platz am Tor des Himmlischen Friedens) in Peking (China) im Juni. Bekannt ist das Bild, auf dem sich ein friedlicher Demonstrant einem Panzer in den Weg stellt.

1990 | Armut ab den 1990er-Jahren

Der Wohlstand in Österreich wird größer und dennoch sind Menschen von Armut betroffen oder armutsgefährdet.

In den 1990er-Jahren stellt sich Armut anders dar als in der Nachkriegszeit. Trotz besserer Wirtschaftslage, höherer Einkommen und umfassenderer sozialer Absicherung gibt es sie noch. Alleinerziehende, MindestpensionistInnen, Langzeitarbeitslose, kinderreiche Familien, Asylsuchende oder Familien mit Migrationshintergrund gehören zu jenen, die am steigenden Wohlstand der österreichischen Bevölkerung nicht ausreichend beteiligt und armutsgefährdet sind.

Auch heute sind die Risikogruppen ähnlich. Die Zahl der nach Definition der Europäischen Union (EU) armuts- oder ausgrenzungsgefährdeten Menschen ist jedoch zwischen 2008 und 2016 um 157.000 Menschen von 20,6 auf 18 % der Bevölkerung gesunken. Langzeitarbeitslose, die 12 oder mehr Monate keine bezahlte Beschäftigung haben, sind besonders gefährdet. Doch auch Personen mit einem Arbeitsplatz können armutsgefährdet sein: „8,3 % der Erwerbstätigen gelten als Working Poor“.

1991 | Wir bekennen uns …

1991 ist das Verhältnis zu unserer Geschichte ein zentrales Thema in einer Rede von Bundeskanzler Franz Vranitzky im österreichischen Parlament.

Die Sätze auf der Abbildung spricht Bundeskanzler Franz Vranitzky am 8. Juli 1991 im Nationalrat aus Anlass der politischen und (beginnenden) kriegerischen Auseinandersetzungen in Jugoslawien. In der Erklärung geht er auf die Vergangenheit und die Teilnahme von Österreichern und Österreicherinnen an den Verbrechen des Nationalsozialismus ein. Vranitzky unterstreicht die Wichtigkeit der Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte. Das Eingestehen der Mitverantwortung durch offizielle Seite ist ein bedeutender Schritt für die Vergangenheitsbewältigung. Der Sichtweise, Österreich sei das erste Opfer der nationalsozialistischen Diktatur gewesen, wird die Erkenntnis über die Mitverantwortung entgegengehalten.

Zum Nationalfeiertag lässt das Bundesministerium für Unterricht und Kunst im Oktober 1991 den Text der Rede allen Schulen zukommen. Für Schülerinnen und Schüler ist die Beschäftigung mit diesem Text im Unterricht eine Möglichkeit, um sich mit der Bedeutung der Vergangenheit für die Gegenwart auseinanderzusetzen.

1993 hält Vranitzky auch in Jerusalem (Israel) eine Rede über die Mitverantwortung Österreichs an den nationalsozialistischen Verbrechen. Zuvor war insbesondere im Ge- und Bedenkjahr 1988 die kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ein zentrales Anliegen.

1992 | Wieder Krieg in Europa

Die Jugoslawienkriege bedeuten für die Zivilbevölkerung Leid und Zerstörung. Die Hilfsinitiative „Nachbar in Not“ will helfen.

Der Vielvölkerstaat Jugoslawien besteht bis Anfang der 1990er-Jahre aus den Teilrepubliken Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Mazedonien, Montenegro, Serbien, Slowenien und aus den zwei autonomen Provinzen Kosovo und Vojvodina. Nachdem in den Regionen der Wunsch nach Eigenständigkeit immer größer wird, erklären Kroatien und Slowenien am 25. Juni 1991 ihre Unabhängigkeit von der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien (SFRJ).
Als Reaktion darauf marschiert die Jugoslawische Volksarmee (JNA) auf Befehl des letzten jugoslawischen Regierungschefs, Ante Marković, in Slowenien ein. Dies ist der Auftakt für mehrere kriegerische Auseinandersetzungen, die zwischen 1991 und 2001 auf dem ehemaligen jugoslawischen Staatsgebiet ausgetragen werden. Nach vielen Jahren des Friedens wird in Europa wieder Krieg geführt.

Leid, Zerstörung und hunderttausende Flüchtlinge sind die Folgen der Jugoslawienkriege. 1992 starten der Österreichische Rundfunk (ORF), die Caritas und das Rote Kreuz die Hilfsaktion „Nachbar in Not“. Die Spenden der ersten Wochen ermöglichen die Finanzierung von Hilfsgütern (u.a. Babynahrung, Reis, Milchpulver, Nudeln, Öl, Zucker, Medikamente, Decken, Baumaterial und Saatgut), die rund 400 LKWs füllen und mit diesen in die betroffenen Gebiete gebracht werden.
Heute ist Nachbar in Not eine Initiative, die Opfer von Kriegen und Naturkatstrophen in verschiedenen Teilen der Welt hilft. In Österreich gibt es jedoch auch viele andere Hilfsorganisationen, die Spenden sammeln und an Menschen in Not weitergeben.

1993 | Solidarität und Menschenrechte versus Ausländerfeindlichkeit und Terror

1993 machen einige Ereignisse die unterschiedlichen Einstellungen gegenüber „Anderen“ oder „Fremden“ sowie zur Vergangenheit sichtbar.

Das Lichtermeer gegen Ausländerfeindlichkeit am 23. Jänner 1993 in Wien ist die bisher größte Demonstration der Zweiten Republik. Etwa 300.000 Menschen nehmen an ihr teil.
Franz Vranitzky ist als erster österreichischer Bundeskanzler offiziell in Israel zu Gast und hält im Juni in Jerusalem eine Rede über die Mitverantwortung Österreichs an den nationalsozialistischen Verbrechen.
Ebenfalls im Juni 1993 findet die Weltkonferenz über Menschenrechte in Wien statt. Die Erklärung und das Aktionsprogramm der Weltmenschenrechtskonferenz sind bedeutende Meilensteine.
Im selben Jahr werden Roma und Sinti in Österreich gesetzlich als Volksgruppe anerkannt.

Diese unterschiedlichen Aktivitäten und Maßnahmen zeigen, dass Solidarität, Fortschritte bei Minderheiten- und Menschenrechten sowie Vergangenheitsbewältigung in Österreich 1993 eine wichtige Rolle spielen. Andererseits wird Ausländerhass und Extremismus sichtbar und bedrohlich: Der sich für Flüchtlinge engagierende Hartberger Pfarrer August Janisch und Silvana Meixner (Mitarbeiterin in der ORF-Minderheitenredaktion) sind am 3. Dezember 1993 die ersten Opfer einer Reihe rechtsextremer Anschläge. Sie werden durch Briefbomben verletzt. Bei dem Rohrbomben-Attentat von Oberwart (Burgenland) 1995 sterben vier Roma. Für die Anschläge und Morde wird vier Jahre später der rechtsextreme Terrorist Franz Fuchs verurteilt.

1994 | Volksabstimmung: Fast zwei Drittel pro EU

1994 stimmen die österreichischen Wähler und Wählerinnen über den Beitritt Österreichs zur Europäischen Union ab.

Österreichs Weg in die EU geht über mehrere Jahre: Die Republik Österreich übermittelt im Juli 1989 einen Beitrittsantrag an die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), aus der später die Europäische Union hervorgeht. Nachdem die seit 1993 laufenden Beitrittsverhandlungen erfolgreich abgeschlossen worden sind, stimmt das Europäische Parlament dem EU-Beitritt Österreichs im Mai 1994 zu.

Da der Beitritt eine Gesamtänderung der Verfassung bedeutet, muss eine Volksabstimmung durchgeführt werden. SPÖ, ÖVP und das Liberale Forum sind EU-Befürworter – FPÖ, Die Grünen und die KPÖ sind damals EU-Gegner.
Am 12. Juni 1994 stimmen 66,6 % der an der Wahl teilnehmenden Österreicherinnen und Österreicher für den Beitritt. Die Ergebnisse der Abstimmung zeigen Unterschiede zwischen dem Westen und Osten Österreichs. Besonders wenig Nein-Stimmen sind im Burgenland zu verzeichnen. Das Bundesland hat später durch Förderungen auch stark von der EU-Mitgliedschaft profitiert. In Tirol gibt es wegen der Befürchtungen über eine Zunahme des Transitverkehrs weniger Ja-Stimmen als in den anderen Bundesländern.

Am 24. Juni 1994 wird der EU-Beitrittsvertrag auf der Insel Korfu in Griechenland unterzeichnet. Mit 1. Jänner 1995 ist Österreich EU-Mitglied.

Aktuell ist die Zustimmung für eine EU-Mitgliedschaft in Österreich höher als bei der Volksabstimmung 1994: Nach einer Umfrage der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik von Mai 2018 liegt sie bei bei 73 %.

1995 | Überstaatliche und internationale Organisationen: EU und OSZE

Mit der Zugehörigkeit zu internationalen Organisationen wollen Staaten Probleme gemeinsam lösen und überstaatliche Zusammenarbeit erweitern.

Sicherheit, Umwelt, Armut, Wirtschafts- und Finanzkrisen ebenso wie Flucht vor bewaffneten Konflikten oder menschenunwürdigen Lebensbedingungen sind einige der Themen, die viele Staaten beschäftigen. Mit überstaatlichen und internationalen Organisationen wird versucht, an gemeinsamen Lösungen zu arbeiten. Die EU und die OSZE sind solche Organisationen.

Am 1. Jänner 1995 tritt Österreich zusammen mit Schweden und Finnland der Europäischen Union bei. In einer Volkabstimmung 1994 hat die österreichische Bevölkerung der EU-Mitgliedschaft zugestimmt.
Wenige Monate nach dem EU-Beitritt unterzeichnet Innenminister Caspar Einem im April 1995 in Brüssel (Belgien) das Schengener Abkommen. Durch dieses Abkommen werden die Grenzkontrollen zwischen den Schengen-Ländern, beispielsweise zu allen EU-Nachbarländern Österreichs, abgeschafft. Wegen Migrationsbewegungen nach Europa wird das Abkommen auf den Fluchtrouten teilweise außer Kraft gesetzt.

Die ab 1973 laufende Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) wird 1995 zur Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Wien wird Sitz des Sekretariats.
Österreich hat in den Jahren 2000 und 2017 den Vorsitz in der OSZE. Konfliktlösung, Demokratisierung, Wahlbeobachtung, Rüstungskontrolle sowie Bekämpfung von Terrorismus und Menschenhandel sind einige Handlungsfelder der OSZE.
„Die Jugendprojekte der OSZE umfassen Menschenrechte, Umwelt, Toleranz und Genderaspekte sowie Unterstützung für Minderheiten im Bildungsbereich.“

1996 | Frauenschutz und Frauenrechte

Gewalt gegen Frauen und eingeschränkte Frauenrechte sind eine politische und gesellschaftliche Herausforderung. Mit Gesetzen und Bewusstseinsbildung wird gegen Gewalt und Ungerechtigkeiten vorgegangen.

Das Gewaltschutzgesetz wird 1996 beschlossen und tritt am 1. Mai 1997 in Kraft. Dieses Gesetz ermöglicht die rechtliche Bekämpfung von häuslicher Gewalt, das heißt von Gewalt gegen Angehörige, die im gleichen Haushalt leben.

Außerdem veröffentlicht Frauenministerin Helga Konrad (SPÖ) im Dezember 1996 die Idee für ein neues Gesetz: Männer sollen verpflichtet werden, die Hälfte der Hausarbeit, der Kinderbetreuung und der Pflege von Angehörigen zu leisten. Es kommt zu teils heftiger Kritik in den Medien und aus allen Parteien. Die von Fernsehspots begleitete Kampagne läuft unter dem Titel „Ganze Männer machen halbe-halbe“.
Erst 1999 wird die Initiative durch eine Gesetzesreform in abgeschwächter Form umgesetzt. Laut ABGB müssen Eheleute ihre eheliche Lebensgemeinschaft „einvernehmlich gestalten“. Dazu gehören Kindererziehung, Pflege- und Haushaltsarbeit.

1996 wird Waltraud Klasnic (ÖVP) die erste Landeshauptfrau (Steiermark). Weitere Landeshauptfrauen sind später Gabriele Burgstaller und Johanna Mikl-Leitner. Es gab und gibt Nationalratspräsidentinnen, Ministerinnen und Landesrätinnen. Mit Susanne Riess-Passer (FPÖ) gab es einmalig eine Vizekanzlerin (2000-2003). Es war bisher jedoch noch nie eine Bundeskanzlerin oder eine Bundespräsidentin im Amt. Halbe-halbe bei politischen Spitzenpositionen trifft auf keiner Ebene zu.

1997 | Das Volk begehrt

Volksbegehren sind eine Form der Gesetzesinitiative und ein Instrument der direkten Demokratie.

Volksabstimmungen, Volksbefragungen, Volksbegehren und Bürgerinitiativen ermöglichen der Bevölkerung, sich außerhalb von Wahlen an politischen Entscheidungen zu beteiligen. Eine Ausweitung der direkten Demokratie, beispielsweise nach dem Vorbild der Schweiz, sowie die Vor- und Nachteile davon werden immer wieder diskutiert.

In der Zweiten Republik gab es bisher eine Volksbefragung und zwei Volksabstimmungen. Volksbegehren werden hingegen fast 40-mal durchgeführt.
1997 gibt es vier: das Gentechnik-Volksbegehren, das Frauen-Volksbegehren sowie die Volksbegehren „Schilling-Volksabstimmung“ und „Atomfreies Österreich“. Schon bei der Zwentendorf-Volkabstimmung 1978 sowie den zwei Volksbegehren für und gegen Zwentendorf von 1980 (Pro- und Anti-Zwentendorf-Volksbegehren) ging es um die Kernkraft. Das Volksbegehren „Veto gegen Temelin“ 2002, ein weiteres „Atomfreies Österreich“-Volksbegehren 2003 und das Volksbegehren „RAUS aus EURATOM“ 2011 unterstreichen die Bedeutung der Frage nach der Atomkraft für die Bevölkerung: Bei keinem Thema wurden bisher in Österreich so oft die Instrumente der direkten Demokratie angewendet.

Wenn mehr als 100.000 Menschen ein Volksbegehren unterzeichnen, muss dessen Inhalt im Nationalrat behandelt, aber nicht zwingend als Gesetz umgesetzt werden.
Das Gentechnik-Volksbegehren wird beispielsweise von über 1,2 Millionen Menschen unterzeichnet. Im April 1998 beschäftigte sich der Nationalrat mit den Inhalten. Die Forderung nach einem gentechnikfreien Österreich wird nach Einschätzung der Umwelt-NGO „Greenpeace“ teilweise umgesetzt.

1998 | Rückerstattung und Entschädigung

Durch verschiedene Gesetze will man die Opfer der NS-Zeit entschädigen und gestohlenes Kulturgut zurückerstatten – u.a. mit Hilfe des Kunstrückgabegesetzes von 1998.

1945 gibt es das erste Opferfürsorgegesetz (OFG) – zunächst nur für österreichische WiderstandskämpferInnen. Im zweiten OFG 1947 werden u.a. auch Menschen, die wegen ihrer Nationalität, Abstammung oder Religion verfolgt wurden, zum Teil berücksichtigt. Durch weitere Änderungen bzw. Ergänzungen (Novellierungen) dieses Gesetzes erhöht sich mit der Zeit die Zahl der Anspruchsberechtigten. Erst durch den 1995 geschaffenen Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus wird der Versuch unternommen, alle betroffenen Gruppen mit Entschädigungszahlungen als Opfer anzuerkennen.

Der Nationalrat beschließt 1998 das Bundesgesetz über die Rückgabe von Kunstgegenständen aus den Österreichischen Bundesmuseen und Sammlungen (Kunstrückgabegesetz). Später wird neben „Kunstgegenständen“ auch „sonstiges bewegliches Kulturgut“ anerkannt. Dadurch können mehr Objekte in die Rückführung (der Fachbegriff lautet Restitution) miteinbezogen werden.
Auch nach diesem Gesetz bleibt die Rückerstattung weiterhin eine schwierige Angelegenheit. Ein Beispiel: Das Gemälde „Goldene Adele“ des Malers Gustav Klimt wird 2006 erst nach langem Rechtsstreit an die Klimt-ErbInnen zurückgegeben.
Es werden auch unbekannte Kunstwerke, Alltagsgegenstände oder Möbel restituiert, da selbst bei kleineren Objekten der ideelle Wert (aufgrund emotionaler Bindung an einen Gegenstand) für die rechtmäßigen BesitzerInnen sowie Erbinnen und Erben sehr groß sein kann.

1999 | Staatenbildung und Unabhängigkeitserklärungen

Ab den 1990er-Jahren kam es zur Bildung vieler neuer Staaten in Europa

Der Kosovo-Konflikt 1998/99 führt zu einer großen Fluchtbewegung aus dem Raum (Ex-)Jugoslawiens. Allein nach Österreich flüchten zwischen 11.000 und 13.000 Kosovo-AlbanerInnen. Die Mehrheit kehrt später in den Kosovo zurück oder zieht in andere Staaten weiter. 2008 erklärt der Kosovo seine Unabhängigkeit. Die Republik Kosovo ist der jüngste Staat Europas.

Schon Anfang der 1990er-Jahre entstehen durch Unabhängigkeitserklärungen neue Staaten in der Nachbarschaft Österreichs (z.B. Slowenien, Kroatien, Ukraine). Der Zerfall der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawiens (SFRJ) sowie der Zusammenbruch der Sowjetunion (UdSSR) nach 1989 und die diversen Staatenbildungen haben sich unterschiedlich gestaltet. In Österreich wurden diese Entwicklungen auch innerhalb der Koalitionsregierung unterschiedlich bewertet. Betreffend die Anfang 1992 erfolgte Anerkennung Sloweniens und Kroatien etwa bestanden zwischen SPÖ und ÖVP verschiedene Positionen.

Nicht nur kriegerische Auseinandersetzungen (wie die Jugoslawienkriege), sondern auch Abstimmungen können Ausgangspunkt oder Grundlage für eine Staatenbildung sein. 2014 gibt es z.B. ein (letztlich erfolgloses) Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands vom Vereinigten Königreich (UK) mit 55,3 % Nein-Stimmen.
Unabhängigkeitsbestrebungen unterschiedlichster Aktualität gibt es in ganz Europa und in anderen Teilen der Welt.

2000 | Ortstafeln

Mehrsprachige Ortstafeln sind ein heftig diskutiertes Thema – die Auseinandersetzungen werden mit verschiedenen Mitteln ausgetragen.

Bereits der Staatsvertrag von Wien 1955 sichert den slowenischen und kroatischen Volksgruppen in Kärnten, Burgenland und der Steiermark im Artikel 7 Minderheitenrechte zu. Darunter auch das Recht auf zweisprachige Ortsschilder in gemischtsprachigen Gebieten.

Im Juli 2000 werden zweisprachige Ortstafeln in 47 kroatisch-sprachigen und vier ungarisch-sprachigen Orten im Burgenland aufgestellt. In den Jahrzehnten zuvor gibt es im Burgenland teils heftige Diskussionen und Übermalungen kroatischer Ortsbezeichnungen.

Diese Auseinandersetzungen sind jedoch nicht vergleichbar mit den Protestaktionen in Kärnten. Dort findet u.a. der sogenannte „Ortstafelsturm“ statt: Alle zweisprachigen Ortsschilder werden von AktivistInnen im Oktober 1972 abmontiert.
2012 trifft Kärnten – nach längeren Verhandlungen zwischen Bund, Land und Volksgruppenvertretungen – eine neue Vereinbarung: In 164 Ortschaften werden Wegweiser und Ortsschilder in slowenischer UND deutscher Sprache aufgestellt.

Das Kunstprojekt „Steiermark x 25“ (s. Foto) beschäftigt sich 2007 mit dem Thema der mehrsprachigen Ortstafeln: An den Standorten Bosruck, Dürnstein, Fürstenfeld, Mandling, Semmering, Spielfeld, Wechsel und auf der Pack ist der Name „Steiermark“ auf fünf Meter hohen Tafeln in den 25 am häufigsten verwendeten Umgangssprachen der dort lebenden Menschen verschiedener Herkunft zu lesen.

2001 | Volljährigkeit mit 18 – Wählen mit 16

Wahlalter, Volljährigkeit und Jugendschutz sorgen für Diskussionen und führen zu mehreren Gesetzesänderungen

Im September 2010 wird vom Bundesministerium für Wirtschaft, Familie und Jugend verordnet, dass Jugendliche unter 18 Jahren Solarien nicht mehr nutzen dürfen. Diese Entscheidung stützt sich auf Studien, die eine Gesundheitsgefährdung feststellen konnten.
Wählen ist hingegen schon seit 2007 ab 16 Jahren erlaubt. Österreich hat damit eine Vorreiterrolle.

Beim Jugendschutzgesetz sind die Bestimmungen in den Bundesländern verschieden. Alkohol- und Tabakkonsum sowie Ausgehzeiten sind mit unterschiedlichen Altersgrenzen geregelt. So gilt in der Steiermark für Kinder bis 14 Jahre die Ausgehzeit bis 21 Uhr, in Kärnten hingegen bis 23 Uhr (außer in Begleitung einer Aufsichtsperson). Für Jugendliche ab 16 gibt es seit 2017 bundesweit keine Einschränkungen der Ausgehzeiten.

1973 wurde das Alter der Volljährigkeit in Österreich von 21 auf 19 herabgesetzt, 2001 von 19 auf 18. In Deutschland kam es etwa zeitgleich (1975) zu einer Veränderung – allerdings wurde dort gleich die Volljährigkeit ab 18 Jahren beschlossen.

Das Erreichen der Volljährigkeit wird häufig mit einer öffentlichen Zeremonie begangen : In vielen österreichischen Gemeinden werden Jungbürgerfeiern organisiert, bei denen jungen Bürgerinnen und Bürger ein Buch (z.B. zur Geschichte und Kultur) oder ein Brief überreicht wird. Oft sind die Feiern mit einer Einladung zu einem Theaterstück, Konzert, Kinofilm oder Ähnlichem verbunden.

2002 | Der Euro, ein Freigeld-Experiment und Bitcoins

2002 wird der Euro als Realgeld eingeführt. Zum Kennenlernen und für die ersten Tage des Umstiegs sind Startpakete erhältlich.

Der Euro wird zwar 1999 als Buchgeld eingeführt, aber erst drei Jahre später als Realgeld. In zwölf der damals 15 Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) wird ab 1. Jänner 2002 mit Euro-Bargeld bezahlt. Heute gibt es in insgesamt 19 EU-Staaten den Euro als gesetzliches Zahlungsmittel.

Bereits vor der Einführung des Euro als Bargeld sind Euro-Startpakete erhältlich. In Banken und Postämtern erhält man für 200 Schilling, also 14,54 Euro, insgesamt 33 Münzen. Mit den „Euro-Starterkits“ können sich die Menschen mit der neuen Währung vertraut machen und haben gleich am Beginn Euros zur Verfügung.

Neue Währungssysteme sollen Einfluss auf die Wirtschaft nehmen. Dafür gibt es Beispiele in der Gegenwart und in der Vergangenheit.
Mit dem „Freigeld-Experiment“ in Wörgl (Tirol) wollte man beispielsweise in den 1930er-Jahren gegen Armut und Arbeitslosigkeit vorgehen. Die Stadt ließ im Rahmen des Wörgler Nothilfe-Programms eigenes Geld („Arbeitswertbestätigungen“) drucken, um die Arbeit für Bauprojekte zu bezahlen. Die Menschen gaben diesen Lohn bald in den lokalen Geschäften aus, wodurch Steuern in die Gemeindekasse flossen. Damit stand wieder Geld für neue Projekte zur Verfügung.
Heute sorgen vor allem Online-Währungen wie Bitcoins für Aufsehen. Die virtuellen Währungen bringen Anonymität, erleichtern allerdings auch illegale Geschäfte im Internet.

2003 | Fußballweltmeisterschaft der Obdachlosen

Diese medienwirksame Sportveranstaltung soll obdachlosen Menschen eine Rückkehr in die Mitte der Gesellschaft ermöglichen und ein Mittel zur Armutsbekämpfung sein.

Die erste Fußballweltmeisterschaft der Obdachlosen (Homeless World Cup – HWC) findet in Graz (Steiermark), der europäischen Kulturhauptstadt, 2003 statt. Das Turnier am Grazer Hauptplatz wird vor rund 20.000 ZuschauerInnen ausgetragen. Das österreichische Team gewinnt diesen Wettbewerb.

Nicht nur Obdachlose, auch Flüchtlinge und Personen mit Alkohol- oder Suchtproblemen nehmen an der seit 2003 jährlich stattfindenden Sportveranstaltung teil. Diese Straßenfußball-WM, bei der die Teams jedes Jahr neu zusammengestellt werden, kann das Selbstbewusstsein und die Lebensfreude der Betroffenen steigern. Menschen, die sozial ausgegrenzt sind, erleben durch die Teilnahme Anerkennung und haben ein positives Erlebnis. Die Aufnahme oder Wiedereingliederung in die Gesellschaft (Integration) und die Verbesserung der Lebenssituation werden unterstützt, die Armutsbekämpfung ist dabei ein zentrales Anliegen.
Armut war und ist eine immer wieder aufkommende Herausforderung in unserer Gesellschaft. Auch die aktuellen Zahlen der Armutsstatistik untermauern die Bedeutung von Gegenstrategien wie dem Homeless World Cup.

2011 wird bei der Fußballweltmeisterschaft der Obdachlosen erstmals ein Damenbewerb ausgetragen. Seit 2016 gibt es auch in Österreich ein eigenes Frauen-Homeless-World-Cup-Nationalteam. Das „European Street Football Festival 2018“ bringt den Wettbewerb 15 Jahre nach seiner Gründung nach Graz zurück.

2004 | Nobelpreisträgerinnen aus Österreich

Elfriede Jelinek ist bisher die einzige Österreicherin, die mit einem Nobelpreis ausgezeichnet ist. Die aus Böhmen stammende Bertha von Suttner erhält während der „Donaumonarchie“ ebenfalls einen Nobelpreis.

2004 erhält Elfriede Jelinek den Literaturnobelpreis. Politische und gesellschaftliche Problemlagen sind zentral für die Arbeit der österreichischen Schriftstellerin. Sie hat sich immer wieder mit der jüngeren Geschichte Österreichs befasst und aktuelle Themen aufgegriffen (beispielsweise Texte über Flüchtlinge). Jelinek ist die einzige Österreicherin, die bisher einen Nobelpreis erhalten hat.

Die Pazifistin und Schriftstellerin Bertha von Suttner (1843-1914) ist ebenfalls mit einem Nobelpreis ausgezeichnet. Da sie aus Böhmen (Staatsgebiet des heutigen Tschechiens) stammt, das zu der Zeit der Preisverleihung Teil der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn („Donaumonarchie“) ist, wird sie oft als Österreicherin gezählt.
„Die Waffen nieder!“ ist ein bekannter Antikriegsroman von ihr. Für ihr Lebenswerk wird Suttner 1905 als erste Frau mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Lise Meitner (1878-1968) ist 1906 die zweite Frau, die ein Physikstudium an der Universität Wien absolviert. 1924 bis 1965 erhielt sie insgesamt 48 Nominierungen für einen Nobelpreis (Chemie und Physik).
Erhalten hat den Nobelpreis für Chemie Otto Hahn 1944. Dem Chemiker gelang 1938 die erste Kernspaltung, an der Lise Meitner durch briefliche Anregungen maßgeblich beteiligt war.

2005 | Industriedenkmäler unter Denkmalschutz

2005 wird das neu gestaltete Sudhaus des Adambräu in Innsbruck eröffnet. Industriedenkmäler wie dieses erinnern an Arbeit, Produktion und Technik.

Es gibt nicht nur Denkmäler zur Erinnerung an Personen und einzelne historische Ereignisse, sondern auch Denkmäler, die an Arbeit, Produktion sowie Technik erinnern und damit die Geschichte von Industrie ins Gedächtnis rufen wollen. Meist sind sie einzelne Gebäude oder Fabrikanlagen, die als erhaltenswert gelten und unter Denkmalschutz stehen.

Ein Beispiel für solch ein Industriedenkmal ist das Sudhaus des Adambräu des Architekten Lois Welzenbacher (1889-1955). In den 1920er-Jahren wird das Gebäude als Teil einer Brauerei in Innsbruck (Tirol) errichtet. Nachdem der Brauereibetrieb schon lange eingestellt ist, werden 2003 bis 2004 Umbauarbeiten an dem Industriebau vorgenommen. Auch nach der Umgestaltung will man, dass die ehemalige industrielle Nutzung als Brauerei weiterhin spürbar bleibt. Gleichzeitig symbolisiert die Revitalisierung des Gebäudes seine aktuelle Nutzung als Architekturzentrum „aut. architektur und tirol“ und Archiv für Baukunst der Universität Innsbruck.

Auch der 1935 fertig gestellte Gebäudekomplex der Tabakfabrik Linz in Oberösterreich ist eine denkmalgeschützte Industrieanlage. Seit der Schließung 2009 werden die Räumlichkeiten für verschiedene Veranstaltungen genutzt. Dabei erinnern zum Teil die Namen der Räume an die ehemalige Nutzung als Tabakfabrik: In der Lösehalle, die heute beispielsweise für Messen gemietet werden kann, lösten die Arbeiterinnen und Arbeiter Tabakblätter vom Strunk.

2006 | Politik für Menschen mit Behinderung(en)

2006 tritt das Behindertengleichstellungspaket in Kraft.

Menschen mit Behinderung(en) begegnen im Alltag oft Hindernissen, die einem selbstbestimmten Leben im Weg stehen. Ein Beispiel dafür ist die Barrierefreiheit in öffentlichen Verkehrsmitteln. 1996 blockieren mehrere Menschen mit und ohne Rollstuhl einen Autobus der Linie 13A in Wien. Sie fordern die Einführung von Hubliften in Bussen, um den Zugang zu erleichtern und die öffentlichen Verkehrsmittel wirklich für alle „öffentlich“ zu machen.
Heute besteht die Busflotte der Wiener Linien „ausschließlich aus Niederflur-Fahrzeugen“. Die zusätzlichen Möglichkeiten, die Fahrzeuge abzusenken und eine Rampe auszuklappen, vereinfachen das Ein- und Aussteigen.

Um Benachteiligungen und Diskriminierungen von Menschen mit körperlichen und/oder geistigen Beeinträchtigungen entgegenzusteuern, sind Gesetze notwendig: Am 1. Jänner 2006 tritt das Behindertengleichstellungspaket in Kraft. Die in dem Paket enthaltenen Gesetze bedeuten einen Fortschritt in der Behindertenpolitik. Diskriminierungsverbote umfassen das tägliche Leben und die Arbeitswelt.
Durch das Gleichstellungspaket wird auch die Behindertenanwaltschaft eingerichtet. Von Diskriminierung betroffene Menschen erhalten dort Unterstützung und Beratung.

2007 | Scheidungen in Österreich

2007 ist mit über 20.500 Ehescheidungen eines der scheidungsreichsten Jahre in Österreich.

Ehescheidungen haben viele Facetten und betreffen mehrere Politikbereiche. Familienpolitik und Sozialpolitik sind zentrale Felder. Auch die Wohnungspolitik ist betroffen.
Nach einer Scheidung sind u.a. die Obsorge von Kindern, Unterhaltsansprüche sowie die Aufteilung von Vermögen und Wohnraum zu regeln. 2001 und 2007 sind mit jeweils über 20.500 Ehescheidungen bisher die Jahre mit den meisten Scheidungen in Österreich.
Danach gehen die Zahlen zurück: 2012 gibt es rund 17.000 und 2016 knapp unter 16.000 Ehescheidungen.
Die wenigsten Scheidungen während der Zweiten Republik gibt es 1960 (rund 8.000). Damals ist auch die rechtliche Lage anders: Nach einer Ehescheidung wird das während der Ehe erworbene Vermögen nicht zwischen Mann und Frau aufgeteilt (dieses Vermögen wird damals als ausschließlich vom Ehemann stammend angesehen).  Außerdem können Ehen unter bestimmten Umständen nicht gegen den Widerstand des Ehepartners aufgehoben werden. Erst durch gesetzliche Veränderungen im Rahmen der Familienrechtsreform ab Beginn der 1970er-Jahre wird die rechtliche Grundlage erneuert.

Weitere Statistiken zum Thema „Ehescheidungen“ werden auf Grafiken (s. Abbildung) und Tabellen der Bundesanstalt Statistik Österreich dargestellt.

Tags Gesetz Kinder

2008 | Sportliche Großveranstaltungen: Wer gewinnt außer Sportlerinnen und Sportlern noch?

Sportliche Großereignisse haben auch wirtschaftliche Bedeutung – für manche globale Akteure sind sie ein großes Geschäft.

2008 ist Österreich als Gastgeberland (zusammen mit der Schweiz) automatisch für die Teilnahme an der Fußball-Europameisterschaft qualifiziert. Ivica Vastić schießt im Spiel gegen Polen das erste Tor für eine österreichische Mannschaft bei einer EM.
Für die Fußball-EM 2016 in Paris (Frankreich) kann sich die Nationalmannschaft zum ersten Mal aus eigener Kraft qualifizieren und schreibt damit österreichische Fußballgeschichte.

Bei sportlichen Großveranstaltungen geht es nicht nur um den Sport, sondern auch um starke wirtschaftliche Interessen. Weltmeisterschaften, Europameisterschaften und Meisterschaften in anderen Weltregionen sowie Olympische Spiele sind für viele Branchen (Wirtschaftszweige) sehr ertragreich. Sie bringen Zuwachs für den Fremdenverkehr, aber oft gar nicht das erwartete Geschäft für lokale Unternehmen oder nicht die erhofften Vorteile für die einheimische Bevölkerung. Daher protestierten beispielsweise in Brasilien viele Menschen vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 im eigenen Land, u.a. gegen die hohen Staatsausgaben für die WM und für mehr Sozialleistungen.
Hohe Gewinne gibt es oft nur für globale Akteure wie große Konzerne (Großunternehmen), die für den Bau von Stadien beauftragt werden oder als Sponsoren auftreten (mit weitreichenden Vorteilen für den Verkauf ihrer eigenen Produkte und somit Nachteilen für die Konkurrenz).

2009 | Finanzkrise, Hypo-Skandal und Hypotopia

Unvorstellbare hohe Geldsummen werden während der Krise weltweit zur Rettung von Banken aufgewendet. Auch die Notverstaatlichung der Hypo Alpe Adria 2009 fällt in diese Zeit.

Die durch die US-amerikanische Immobilienkrise 2007 ausgelöste Banken- und Finanzkrise entwickelt sich zu einer weltweiten Wirtschaftskrise. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sinkt in vielen Staaten der Welt erheblich und Regierungen wenden unvorstellbar hohe Summen auf, um Finanzunternehmen vor der Zahlungsunfähigkeit zu retten und weitere negative wirtschaftliche Folgen zu verringern. Eine Massenarbeitslosigkeit wie während der Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er-Jahre hat in Österreich selbst während dem Höhepunkt der Krise 2008/2009 verhindert werden können.

Der Finanzskandal rund um den österreichischen Bankkonzern „Hypo Alpe Adria“ fällt auch in diese Zeit. Einflussnahme der Kärntner Landesregierung, fragwürdige Geschäfte und Fehlinvestitionen führen die Hypo Alpe Adria an den Rand der Insolvenz (Zahlungsunfähigkeit). 2009 wird die Bank von der österreichischen Regierung notverstaatlicht. Bei einer Notverstaatlichung wird das Unternehmen zum Staatseigentum, um eine Zahlungsunfähigkeit zu verhindern.

Nach Prognosen könnte der Hypo-Skandal der steuerzahlenden Bevölkerung bis zu 19 Milliarden Euro kosten. Studierende der TU Wien wollen mit ihrem Projekt „Hypotopia“ diese enorme Geldsumme vorstellbar machen. Das Ergebnis des „Milliarden-Stadt-Projekts“: Ein begehbares Modell einer fiktiven Stadt (s. Foto), die mit den 19 Milliarden Euro hätte finanziert werden können.

2010 | Filmland Österreich

Aufgrund der Oscar-Verleihungen 2008, 2010 und 2013 erhält Österreich als „Filmland“ größere Aufmerksamkeit. Der österreichische Film gewinnt aber schon in den 1920er-Jahren an Bedeutung.

2010 erhält der Schauspieler Christoph Waltz den Oscar in der Kategorie „Bester Nebendarsteller“ für seine Rolle in dem Kriegsfilm „Inglourious Basterds“. 2013 gibt es einen Oscar für Regisseur Michael Haneke („Amour“) und einen zweiten für Waltz („Django Unchained“). Bereits 2008 konnte der Regisseur Stefan Ruzowitzky für „Die Fälscher“ in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ den weltbekannten Filmpreis entgegennehmen. Diese internationalen Erfolge von Filmschaffenden aus Österreich haben eine verstärkte Aufmerksamkeit für heimische Filmproduktionen ausgelöst.

Österreich kann wegen seiner Filmgeschichte durchaus als „Filmland“ bezeichnet werden. In den Rosenhügel-Filmstudios im 23. Wiener Gemeindebezirk werden ab den 1920er-Jahren Filme gedreht. Darunter befinden sich Stummfilme wie „Samson und Delila“ (1922), Klassiker der Nachkriegszeit wie „Sissi“ (1955), „Im weißen Rössl“ (1960) oder „Mariandl“ (1961) und Literaturverfilmungen wie „Die Klavierspielerin“ (2001).
Während der NS-Zeit (1938-1945) lässt das Regime am Rosenhügel Propagandafilme produzieren.

2011 | Kinderrechte und Volkszählung

2011 wird das Bundesverfassungsgesetz über die Rechte von Kindern beschlossen. Wie viele Kinder in Österreich leben, zeigt die Volkszählung im selben Jahr.

1992 tritt in Österreich die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen (UN) in Kraft. Damit werden Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahren „persönliche, wirtschaftliche und kulturelle Rechte“ garantiert.
Der Nationalrat beschließt 2011 die Aufwertung des „einfachen Gesetzes“ zum Verfassungsgesetz. Mit dem „Bundesverfassungsgesetz über die Rechte der Kinder“ werden Teile der „Konvention über die Rechte des Kindes“ in die Verfassung übernommen und der Schutz von Kindern und Jugendlichen gesetzlich besser abgesichert.

Für die Anliegen und Rechte von Kindern und Jugendlichen setzt sich deren gesetzliche Interessenvertretung, die BJV,  ein. Sie ist auch Mitglied im Netzwerk Kinderrechte.
Kinder- und Jugendanwaltschaften unterstützen Kinder und Jugendliche anonym und kostenlos bei Konflikten und schwierigen Angelegenheiten. Auch die Volksanwaltschaft beschäftigt sich mit Kinderrechten und konzentriert sich 2017 auf das Thema „Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Gewalt“.

Apropos Kinder: Wie viele leben überhaupt in Österreich? 2011 wird eine Volkszählung vorgenommen. Am Stichtag 31. Oktober 2011 leben in Österreich 8.401.940 Männer und Frauen. Rund 1,2 Millionen Menschen davon sind nicht älter als 14 Jahre (598.775 Mädchen und 628.915 Buben). Das Durchschnittsalter beträgt 41,8 Jahre.
Seither hat sich die Gesamtbevölkerungszahl deutlich erhöht. Österreich nähert sich bei der Bevölkerungszahl der 9-Millionen-Grenze.

2012 | Staatssymbole: eine Hymne für Österreicher UND Österreicherinnen

Bundeshymne und Nationalfeiertag sind wichtige Staatssymbole; sie werden an gesellschaftliche und politische Veränderungen angepasst.

1946 beschließt der Ministerrat die Melodie für die österreichische Bundeshymne. 1947 kommt ein Hymnentext der Dichterin Paula von Preradović dazu. Sie gewinnt die Ausschreibung mit einem Preisgeld von 10.000 Schilling.
Jahrzehnte später steht fest: Der Text der Bundeshymne muss geschlechtergerecht gestaltet werden. In diesem Fall bedeutet dies, dass Frauen und Mädchen auch sprachlich sichtbar gemacht werden sollen. In der ersten Strophe wird „Heimat bist du großer Söhne“ durch „Heimat großer Töchter und Söhne“ und in der dritten Strophe „Bruderchören“ durch „Jubelchören“ ersetzt. 2012 tritt das Gesetz mit den Neuerungen in Kraft.

Auch die Ausgestaltung des Nationalfeiertags zieht sich über einen längeren Zeitraum: Am 25. Oktober 1955 endet die 90-tägige Räumungsfrist für den Abzug der Besatzungstruppen. Im selben Jahr feiert die Republik dieses Datum als österreichischen Unabhängigkeitstag.
Ab 1956 wird der 26. Oktober zum „Tag der österreichischen Fahne“. Nun steht nicht mehr das Besatzungsende im Vordergrund, sondern das vom Nationalrat am 26. Oktober 1955 beschlossene Neutralitätsgesetz.
Erst Jahre später finden Diskussionen über die Einführung eines Nationalfeiertages statt, der auch arbeits- und schulfrei ist. 1965 beschließt der Nationalrat schließlich den 26. Oktober als Nationalfeiertag. Zwei Jahre später wird er auch zum gesetzlichen Feiertag.

2013 | Auslandseinsätze und Wehrpflicht

Das Österreichische Bundesheer beteiligt sich seit 1960 an internationalen Missionen. 2013 gibt es eine Volksbefragung über Beibehaltung oder Abschaffung der Wehrpflicht.

Mehr als 100.000 österreichische Soldaten und Soldatinnen nehmen seit 1960 an internationalen humanitären und friedensunterstützenden Missionen teil. Eine humanitäre Mission beinhaltet Schutz und Hilfeleistungen für Menschen in Not: beispielsweise durch medizinische Versorgung oder Nahrungsmittelverteilung.
Die erste Beteiligung an einer UN-Mission findet in der Kolonie Belgisch-Kongo statt (1960-1963). Weitere langjährige Einsätze sind die friedenserhaltenden Missionen der Vereinten Nationen (UN) auf Zypern (1964-2001) und am Golan (1974-2013).

Der Beitritt zur Europäischen Union 1995 ermöglicht die Beteiligungen an EU-Operationen in Zentralafrika: 2003 in der Demokratischen Republik Kongo und 2009 im Tschad. Heute ist das Bundesheer im Libanon, im Kosovo sowie in Bosnien und Herzegowina eingesetzt.
Neben der Unterstützung von Friedenstruppen haben die Katastrophenhilfe und humanitäre Hilfe an Bedeutung zugenommen.

Österreich ist eines der wenigen EU-Länder mit einer Wehrpflicht. Über Beibehaltung oder Abschaffung der Wehrpflicht findet im Jänner 2013 die erste österreichweite Volksbefragung statt. 59,7 % der teilnehmenden WählerInnen stimmen für die Beibehaltung. Die Abschaffung hätte auch das Ende für den verpflichtenden Zivildienst bedeutet.

2014 | Verfolgte der NS-Militärjustiz

Anerkennung der Desertion als Widerstandsform durch das Aufhebungs- und Rehabilitationsgesetz und Gedenken durch Mahnmäler.

Deserteure sind Soldaten, die den Militär- und Kriegsdienst aus verschiedenen Gründen ablehnen. Während der Zeit des Nationalsozialismus bedeutet Desertion für viele den Tod, unabhängig davon, ob der Kriegsdienst aus Ablehnung der NS-Diktatur oder aus anderen individuellen Gründen verweigert wird. Mehr als 30.000 Todesurteile verhängen NS-Gerichte, die Militärjustiz vor allem gegen Deserteure. Auch Menschen, die den Kriegsdienstverweigerern helfen, werden hart bestraft oder zum Tode verurteilt.
2009 beschließt der Nationalrat das Aufhebungs- und Rehabilitationsgesetz, welches die Urteile gegen die Betroffenen aufhebt und die Desertion als Zeichen des Widerstands anerkennt.

Als sichtbares Zeichen für die Anerkennung der Desertion als Widerstandsform und zum Gedenken für die Verfolgten der NS-Militärjustiz wird am 24. Oktober 2014 ein Denkmal am Ballhausplatz in Wien enthüllt. Die Bedeutung dieses Mahnmals wird durch den Ort verstärkt: Am unmittelbar zum Heldenplatz angrenzenden Ballhausplatz befinden sich das Bundeskanzleramt und die Präsidentschaftskanzlei.
Auch in anderen Bundesländern gibt es Mahnmäler, die an das Schicksal der Betroffenen erinnern: In Kärnten gedenkt der Verein „Erinnern-Villach“ im Stadtzentrum mit einem Denkmal der Namen an Menschen, die im Nationalsozialismus ermordet wurden – darunter auch Wehrmachtsdeserteure und ihre HelferInnen. Das Widerstandsmahnmal am Sparkassenplatz in Bregenz erinnert mit 100 Namen u.a. an WiderstandskämpferInnen und Deserteure in Vorarlberg.

2015 | Flucht kann viele Gründe haben

Nach Schätzungen des UNHCR gibt es 2015 weltweit rund 65 Millionen Flüchtlinge, wovon sich 21,3 Millionen Flüchtlinge außerhalb ihrer Heimatländer befinden.

Mehr als 800.000 Menschen flüchten 2015 nach Europa. Die meisten dieser Flüchtlinge kommen aus Syrien (52 %), Afghanistan (19 %) und aus dem Irak (6 %). Sie flüchten vor allem vor Krieg, gewalttätigen Konflikten und Verfolgung. Ebenso können Ausbeutung, Armut, schlechte medizinische Versorgung, Chancenlosigkeit oder ökologische Katastrophen und Krisen Auslöser für Flucht sein.
Rund 90.000 Menschen stellen 2015 einen Asylantrag in Österreich. Die meisten von ihnen kommen aus Syrien. In ihrem Heimatland bekriegen sich seit 2011 verschiedene Gruppierungen, auch mit militärischer Unterstützung von Großmächten wie den Vereinigten Staaten (USA) oder Russland.

In Österreich tritt die Genfer Flüchtlingskonvention 1955 in Kraft. Der Staat hat sich damit verpflichtet, Menschen, die aus bestimmten anerkannten Gründen zur Flucht gezwungen sind, Asyl zu gewähren. Bereits im darauffolgenden Jahr, nach dem Aufstand der ungarischen Bevölkerung gegen das kommunistische Regime 1956 und später nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei 1968, kamen viele Flüchtlinge nach Österreich. Auch während anderer Konflikte, wie der Errichtung von Militärdiktaturen in Griechenland (1967-1974) und in Chile (1973-1990) oder als Folge der Jugoslawienkriege, fanden Menschen Zuflucht in Österreich.

2016 | Österreichisches Wort des Jahres 2016

„Bundespräsidentenstichwahlwiederholungsverschiebung“ ist 2016 in Österreich das Wort des Jahres, „Öxit“ das Unwort und „Bundespräsidentenwahl 2016-2019: Ich war dabei!“ wird zum Spruch des Jahres gewählt.

Beginnen wir am Anfang: Beim ersten Wahlgang der Bundespräsidentschaftswahl am 24. April 2016 erreicht weder die einzige angetretene Frau noch einer der restlichen fünf Kandidaten mehr als 50 % der gültigen Stimmen. Deswegen kommt es zu einer Stichwahl zwischen dem Kandidaten der Freiheitlichen Partei Österreich (FPÖ), Norbert Hofer, und Alexander Van der Bellen (unterstützt von den Grünen). Letzterer geht mit 50,3 % der Stimmen als Wahlsieger hervor.

Diese Wahl wird von der FPÖ angefochten. Der Verfassungsgerichtshof stellt Rechtswidrigkeiten fest (Vorab-Öffnen von Briefwahlkarten und dadurch gegebene Manipulationsmöglichkeit sowie vorzeitige Weitergabe von Wahlergebnissen) und hebt die Stichwahl auf.

Daraufhin wird der 2. Oktober als Termin für die Wiederholung der Stichwahl festgelegt. Vor der Wahl fallen immer mehr BriefwählerInnen fehlerhafte Wahlkartenkuverts auf. Der Klebestreifen an den Kanten der Kuverts kann sich nach einer Zeit lösen, wodurch eine Verletzung des Wahlgeheimnisses zu befürchten ist. Daher wird mit einem eigenen Gesetz die Bundespräsidentenwahl verschoben. Bei dieser verschobenen „Bundespräsidentenstichwahlwiederholung“ am 4. Dezember 2016 wird Alexander Van der Bellen mit 53,8 % der gültigen Stimmen zum Bundespräsident gewählt.

2017 | Das Parlament zieht ins DemokratieQuartier

Am 13. Juli 2017 findet im Plenarsaal des Nationalrats die letzte Sitzung vor dem Umbau des Parlamentsgebäudes statt.

Fast 100 Jahre nach der letzten Sitzung des Abgeordnetenhauses des österreichischen Reichsrats am 12. November 1918 und der Ausrufung der Republik durch die Provisorische Nationalversammlung übersiedelt das Parlament vorübergehend vom historischen Gebäude an der Wiener Ringstraße auf den Heldenplatz. Dort sind Pavillons errichtet und die Sitzungen des Nationalrats finden seit September 2017 in der Hofburg statt. Die DemokratieWERKstatt übersiedelt vom Palais Epstein in den „Pavillon Ring“.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde der (bis zum Ende der Monarchie als Sitzungssaal des Herrenhauses genutzte) Plenarsaal des Nationalrats durch Bombentreffer zerstört. Der Saal wurde nicht in seiner ursprünglichen Form wieder aufgebaut, sondern völlig neu gestaltet. Dies sollte ein Zeichen für einen Neuanfang sein, da das Parlament auch symbolisch für das Zentrum der Demokratie steht.
2017 beginnen wiederum Bauarbeiten für eine Modernisierung des Saales: Über dem Plenarsaal des Nationalrats entsteht z.B. eine Glaskuppel statt Dachstuhl und Zwischendecke.
Die Gesamtsanierung des Gebäudes bedeutet auch das Ende der seinerzeit hochmodernen Rohrpostanlage des Parlaments (s. Foto). Das über 130 Jahre alte Parlament in seiner Gestalt vor 2017 kann nur mehr im Internet besucht werden.

2018 | Der Politikkalender im Erinnerungsjahr

Innenpolitisch stehen im ersten Halbjahr vier Landtagswahlen im Zentrum, die zweite Jahreshälfte dominiert der EU-Ratsvorsitz und das Europäische Kulturerbejahr ist ein passender Rahmen für das Gedenkjahr.

In der zweiten Jahreshälfte 2018 übernimmt Österreich wieder den Vorsitz im Rat der Europäischen Union (EU). Es ist nach 1998 und 2006 die bereits dritte EU-Ratspräsidentschaft. Wegen des „BREXIT“ ist Österreich ein halbes Jahr früher als ursprünglich vorgesehen an der Reihe.

Ein passender Zufall ist, dass im zweiten Halbjahr 2018 (nach Wien im ersten) das Burgenland den Vorsitz im Bundesrat innehat: Das Bundesland hat von allen österreichischen Ländern bisher am meisten von der österreichischen EU-Mitgliedschaft profitiert. In der Volkabstimmung 1994 stimmten (im Vergleich zu anderen Bundesländern) besonders viele Menschen im Burgenland für den EU-Beitritt.

#EuropeforCulture ist das Motto des Europäischen Kulturerbejahres 2018. Mit dem „European Year for Cultural Heritage“ sind wir alle eingeladen, uns mit dem kulturellen Erbe auseinanderzusetzen. Das Kulturerbe ist für vieles bedeutend – für Identität, interkulturelle Vielfalt, Wirtschaft und für die Gestaltung der Zukunft Europas. Im Rahmen der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft wird am 11. und 12. Dezember 2018 in Wien die Abschlusskonferenz zum Kulturerbejahr stattfinden.

Bereits im ersten Halbjahr finden in vier Bundesländern Landtagswahlen statt. Den Anfang macht Niederösterreich, dem Tirol, Kärnten und Salzburg folgen.