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Herr Karl hält den Menschen einen Spiegel vor

In den 1960er-Jahren wird die öffentliche Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus auf juristischer Ebene geführt und durch Theaterkunst angeregt.

1961 findet in Jerusalem (Israel) der Eichmann-Prozess statt. Adolf Eichmann ist einer der Hauptverantwortlichen des Holocaust. Durch dieses Gerichtsverfahren erhält die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus und insbesondere mit dem Holocaust weltweit Aufmerksamkeit.

Später wird in Deutschland der erste Frankfurter Auschwitz-Prozess geführt (1963-1965). Die angeklagten SS-Angehörigen verschiedener Dienstgrade waren im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau stationiert. Einigen Angeklagten kann die „aktive Mitwirkung am staatlich organisierten Massenmord“ nachgewiesen werden, dem SS-Sanitäter Josef Klehr beispielsweise in mindestens 475 Fällen. Die lange Dauer der Verhandlung sowie die erschütternden Beschreibungen der Zeugen und Zeuginnen über die menschenunwürdige Situation im KZ und über die Grausamkeit der KZ-AufseherInnen führt dazu, dass der Auschwitz-Prozess international beobachtet wird.

Neben der juristischen gibt es auch eine künstlerische Auseinandersetzung. Ein Klassiker ist das Einpersonenstück „Der Herr Karl“. Die vom Schauspieler Helmut Qualtinger dargestellte Figur zeigt einen Opportunisten (jemand, der sich für eigene Vorteile der jeweiligen Lage anpasst) und Mitläufer, der auf skrupellose Art nur an seinem Wohl interessiert ist und sich auch an Verbrechen des Nationalsozialismus beteiligt hat. Die Verfilmung des Monologs (Selbstgespräch) wird am 15. November 1961 erstmals im Österreichischen Rundfunk (ORF) gesendet und löst eine Welle heftiger Kritik aus: Die Autoren Carl Merz und Qualtinger werden u.a. als „Nestbeschmutzer“ bezeichnet.

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